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Neugeborenendurchfall – die zügige Flüssigkeitszufuhr ist das A und O

Die Tierärztin sagt…

„Durchfall ist die häufigste Erkrankung bei Kälbern innerhalb der ersten Lebenswochen und kann schnell lebensbedrohlich sein. Die Erkrankungsrate liegt zwischen 15-30%.  Die Entwicklung eines Durchfallgeschehens wird zum einen durch einen Mangel an Antikörpern, zum anderen durch eine hohe Konzentration von Krankheitserregern bedingt, oft aber auch durch eine Kombination von Beidem. Die Behandlung konzentriert sich auf den Ausgleich des Flüssigkeits-, Elektrolyt- und Nährstoffhaushalts. Der wichtigste Punkt zur Vorbeuge ist ein optimales Kolostrummanagement.“

Das fragt die Landwirtin…

Symptome: Woran erkennt man den Schweregrad bei Durchfall von neugeborenen Kälbern?

Die ersten Anzeichen:
  • die Kälber erscheinen matt und abgeschlagen
    Festliegende Kalb mit Durchfall (Brustlage)

    Festliegende Kalb mit Durchfall (Brustlage)

  • oft ziehen sie den Bauch auf, die Bauchdecke ist gespannt
  • sie zeigen einen verminderten Appetit, trinken weniger als gewöhnlich
  • Fieber (über 40°C) kann zu Beginn auftreten
  • zunächst dünner, dann wässriger Kot, eventuell blutig
Der Flüssigkeitsverlust kann lebensbedrohend werden.

Der Flüssigkeitsverlust kann
lebensbedrohend werden.

 

 

 

Die hauptsächlichen Symptome ergeben sich aus dem Flüssigkeits- und Elektrolytverlust. Durch den Durchfall verlieren die Tiere Flüssigkeit und zusätzlich nehmen sie durch den verminderten Appetit auch noch weniger Energie und Flüssigkeit auf.

Grad der Austrocknung
Kalb
Hautfalte
Saugreflex
Flüssigkeits-verlust
eringgradig steht verstreicht sofort vorhanden 5% vom Körpergewicht
mittelgradig liegt verstreicht langsamer vermindert 5-8%
hochgradig liegt fest, Augäpfel eingesunken verstreicht nicht nicht mehr vorhanden 8-12%
Hautfalten hochziehen, um den Austrocknungsgrad zu bestimmen.

Hautfalten hochziehen,
um den Austrocknungsgrad zu bestimmen.

 

  • Körpertemperatur kann im Verlauf einer Durchfallerkrankung zwischen Fieber, Normal- und Untertemperatur schwanken.
  • Die zunehmende Schwäche und Müdigkeit eines Kalbes bis hin zum Festliegen weist auf eine zunehmende Übersäuerung des Blutes hin.
  • In seltenen Fällen können Kälber in der ersten Lebenswoche ohne sichtbare Symptome an einer Blutvergiftung durch Bakteriengifte (E. coli- oder Clostridien-Toxine) sterben.
Durchfall wird oft im Zusammenhang mit folgenden Aspekten berichtet:

Ein gesundes Kalb kommt mit geringen Mengen Infektionserregern zurecht. Kommt jedoch ein Stressfaktor hinzu, wird das Kalb krank. Stressfaktoren sind:

  • Überfütterung
  • Unsaubere Abkalbebox mit hohem Infektionsdruck
  • Unzureichende Biestmilchversorgung (zu spät, zu wenig
  • Wechselnde Zusammensetzung oder Temperatur der Tränke
  • Der Milchaustauscher ist falsch konzentriert oder schlecht gelöst
  • Schlechte  Hygiene (z.B. mangelnde Reinigung der Tränkeeimer, zu viele Kälber an einem Nuckel)

Erreger: Welche Schäden entstehen im Tier?

Wäßriger Durchfall führt zu Wasser- und Elektrolytverlusten.

Wäßriger Durchfall führt zu Wasser- und Elektrolytverlusten.

Erreger:
  • Durchfallerreger führen zu Schäden an der Darmschleimhaut, die ihrer Funktion (Nährstoff- und Flüssigkeitsaufnahme) zunächst noch eingeschränkt, später gar nicht mehr nachkommen kann.
  • Flüssiger Kot verlässt den Körper schneller und schwemmt Infektionserreger mit aus, dies bedeutet aber auch einen Verlust von Flüssigkeit, Elektrolyten und Nährstoffen.
  • Aufgrund der beschädigten Darmwand kann es zum Übertritt von Bakterien und Giften in den Körperkreislauf kommen.
 Folgen des Durchfalls:
  • Austrocknung, Übersäuerung des Blutes durch Verlust von Elektrolyten und Puffersubstanzen, Energiemangel und Blutvergiftung

Diagnose: Wie werden die Erreger identifiziert?

  • Untersuchung von Kotproben von nicht mit Antibiotika behandelten Kälbern im Labor oder
    mittels Schnelltest im Stall.
  • Vor allem, wenn Durchfall als Bestandsproblem auftritt
  • Haupterreger: Rota- und Coronaviren, verschiedene E.coli-Stämme,
    häufig in Form von Mischinfektionen; Kryptosporidien, selten Salmonellen

Therapie: Wie und wie lange wird behandelt?

Die Durchfallbehandlung umfasst die Regulierung des: Flüssigkeits-, Elektrolyts- und Energiehaushalts

Schrittweises Vorgehen: Bei den ersten Anzeichen von Durchfall:

  • Kalb von der Gruppe isolieren (um Weiterverbreitung der Infektionserreger zu  verhindern)
  • 3 mal täglich 2 Liter Elektrolytlösung
  • Milch mehrmals täglich in kleineren Portionen tränken (Tagesration 10-12% des Körpergewichtes, verteilt auf 3 Mahlzeiten)
  • ein kurzzeitiger Milchentzug kann sich in bestimmten Fällen entlastend auf den Darm auswirken, aber nie länger als 24 Stunden, denn sonst fehlt dem Kalb lebenswichtige Energie (Gefahr der Unterzuckerung, Kälber können regelrecht „verhungern“)
Elektrolyttränke ist die wichtigste Therapie.

Elektrolyttränke ist die wichtigste Therapie.

Elektrolyte gibt es in unterschiedlichen Darreichungsformen, manche der Produkte vertragen sich nicht mit der Milchverdauung und müssen im zeitlichen Abstand zur Milchtränke verabreicht werden. Andere Produkte könnten in die Milch eingerührt werden, dies ist aber wenig sinnvoll, da ja vor allem zusätzliche Flüssigkeit zugeführt werden soll.

Wenn das Kalb keinen Saugreflex mehr zeigt:
  • Infusion: Kälber, die nicht mehr selbsttätig saugen oder einen Dehydratationsgrad von mehr als 8% aufweisen, müssen die Flüssigkeit über eine Vene erhalten
  • Dazu legt der Tierarzt einen Venenkatheter in eine Hals- oder Ohrvene und die Elektrolytlösung (und zusätzlich je nach Bedarf Puffersubstanzen und Glukose) wird zunächst schnell (Sturzinfusion) und anschließend über einen Dauertropf zugeführt.
    Infusionen sind lebsnrettend! (Foto: Berchthold)

    Infusionen sind lebesnrettend! (Foto: Berchthold)

  • Sofern das Kalb nach einer Sturzinfusion eine spontane Besserung zeigt und wieder selbständig Flüssigkeit aufnehmen kann (Anzeichen: es fängt an zu schmatzen), kann auf einen Dauertropf verzichtet werden.
  • Wichtiger als die exakte Bestimmung des Dehydratationsgrades ist die ungefähre Einschätzung, um die richtige Therapie zu beginnen. Wenn beispielsweise der Flüssigkeitsverlust schnell vorangeht, das Kalb festliegt und schwach wirkt oder der Saugreflex nur schwach oder unregelmäßig ist, dann ist die intravenöse Therapie erfolgversprechender. Zusätzlich zum Flüssigkeitsverlust besteht meist eine Blutazidose, die darüber hinaus das Allgemeinbefinden beeinträchtigt. Diese Kälber wirken apathisch bis komatös, sie sind schwach und können festliegen, ihr Saugreflex ist unregelmäßig und sie zeigen vertiefte, beschleunigte Atemzüge. Ein weiterer Hinweis auf eine Azidose ist das Ausbleiben einer Besserung nach 24 Stunden bei alleiniger Flüssigkeitstherapie. In diesem Fall benötigen die Kälber eine Infusionsbehandlung mit Puffersubstanzen.
  • Die meisten Fälle von Neugeborenendurchfall sind selbstlimitierend, weshalb in den meisten Fällen eine antibiotische Behandlung nicht notwendig ist. Liegen allerdings weitere Erkrankungen (z.B. Nabel-, Lungenentzündung) vor und es besteht Fieber, ist ein Antibiotikum sinnvoll.
    Normaler pastöser Kälberkot.

    Normaler pastöser Kälberkot.

  • Bei einer  Blutvergiftung werden die Erreger über die Blutbahn im Körper verteilt und es kommt zur akuten Erkrankung des gesamten Organismus. Die Symptome sind unspezifisch und werden schnell übersehen. Die Tiere haben Fieber, der Puls ist beschleunigt und das Allgemeinbefinden verschlechtert sich rasant. Bei einer Blutvergiftung und sind neben dem Einsatz von Antibiotika auch Entzündungshemmer ratsam.
  • Die Verabreichung von Elektrolytlösungen über eine Sonde (drenchen) sollte nur vorübergehend erfolgen, um ein erzwungenes „Pansentrinken“ zu vermeiden.
  • Die Gabe von Elektrolytlösungen sollte erst beendet werden, wenn derKot wieder eine normale Konsistenz (pastös) aufweist.

Unterstützende Homöopathische Therapie

Fragen zu Arzneimitteln und Therapieplan richten Sie bitte an Ihre(n) Hoftierärzt/-in!

Wenn Kryptosporidien im Kot nachgewiesen wurden:

Unterstützung der Flüssigkeitstherapie mit folgenden Maßnahmen:

  • Kryptosporidien sind sehr widerstandsfähige, einzellige Parasiten, die mit Antibiotika nicht zu bekämpfen sind, zur Verfügung steht derzeit der Wirkstoff Halofuginon (Halocur® )
  • Anwendung: über mind. 7 Tage einmal täglich oral nach der Tränke eingeben (Behandlungsdauer unbedingt einzuhalten, sonst erneutes Aufflammen der Infektion)
  • Therapie spätestens 24 Stunden nach  Durchfallbeginn starten
  • Zur Metaphylaxe bei bekannter Kryptosporidienproblematik: in den ersten 24-48 Lebensstunden beginnen
  • Regelmäßige Desinfektion mit einem kokzidienwirksamen Desinfektionsmittel, da die Parasiten sehr widerstandsfähig sind

Liste wirksamer Desinfektionsmittel: www.dvg.net

Nutzen: Was bringt die rechtzeitige Durchfallbehandlung?

Je früher der Flüssigkeitsersatz beginnt, desto besser sind die Heilungschancen.

  • Reduzierung von Todesfällen
  • Kein verzögertes Wachstum
  • Weniger zusätzliche Arbeiten am Tier (geringerer Betreuungsaufwand)
  • Minimierung von Tierarzt und Arzneimittelkosten

Praxistipp: Wie schütze ich meine neugeborenen Kälber vor Durchfall?

Muttertierimpfungen

Muttertierimpfungen

Hygiene:
  • saubere Abkalbebox
  • saubere, trockene, zugfreie Haltungsbedingungen (Kot regelmäßig entfernen)
  • Kolostrum: gute Qualität, ausreichende Menge, rechtzeitig (möglichst 4 Liter in den ersten 6 Lebensstunden)
  • Muttertierimpfungen (bei nachgewiesenen Errgeren): Tragende Kühe und Färsen während der Trockenstehzeit gegen die Hauptdurchfallerreger impfen (Rota- und Coronavirus, verschiedene Kolibakterien)
  • um einen guten systemischen Schutz zu gewährleisten, diese durch die Impfung aufgewertete Biestmilch so schnell wie möglich an die neugeborenen Kälber verabreichen
  • es werden lokal wirksame Abwehrstoffe gebildet, die über das Kolostrum direkt im Darm die schädlichen Erreger abfangen können, deshalb wird empfohlen, die Biestmilch- oder Milchtränke über 10 bis 12 Tage fortzuführen
  • wird schon früher auf Milchaustauscher umgestellt, sollte zumindest täglich eine Menge von 0,5 Liter Milch/Kolostrum von geimpften Tieren in den Milchaustauscher eingerührt werden

Autorinnen: Dr. med. vet. Katharina Traulsen, Tierärztin  & Dr. Marion Tischer