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Ketose: Unsichtbarer Energiemangel mit Folgen

Die Tierärztin sagt…

Ketose (auch Acetonämie) ist eine Störung des Energiestoffwechsels und führt zum Anstieg von Ketonkörpern im Blut. Diese werden dann gebildet, wenn der Energiebedarf die Energieaufnahme für längere Zeit übersteigt (negative Energiebilanz). Vor allem frisch gekalbte Kühe sind betroffen. Bei einer ausgeprägten negative Energiebilanz wird vermehrt Köpergewebe (Fett/Muskulatur) abgebaut und in der Leber eingelagert (Fettleber).  Die Ketose kann aber auch sekundär als Folge einer anderen Krankheit entstehen, wenn die Futteraufnahme der Kühe zurückgeht. Da die Ketonkörper ihrerseits zu vermindertem Appetit führen, entsteht ein Teufelskreis, der zu Folgekosten von 600 bis 1000 €  pro Tier führen kann.“

Das fragt die Landwirtin…

Symptome: Woran kann ich erkennen, ob eine Kuh an Ketose erkrankt ist?

Bei unseren heutigen Hochleistungstieren sind ca.30% aller Milchkühe in der Frühlaktation subklinisch erkrankt,
das heißt, dass nur unspezifische Symptome auftreten:

  • Fressunlust
  • Rapider Gewichtsverlust (> 0,5 BCS- Punkte innerhalb der ersten vier Wochen post partum)
  • träges Verhalten
  • etwas festerer Kot, der glänzende Stücke enthält, oder Durchfall

Nur noch bei ca. 1-2 % der Tiere treten die typischen klinischen Symptome einer Ketose auf:

Acetongeruch weist auf eine klinische Ketose hin

Acetongeruch weist auf
eine klinische Ketose hin

  • Acetongeruch (o. Apfelessig) in Atemluft, Urin, Milch
  • Fressunlust
  • glänzender geballter bis scheibenförmiger Kot
  • intensives Belecken der Umgebung
  • schwankender Gang, Trägheit bis zum Festliegen
  • Schreckhaftigkeit, aggressives Verhalten, nach vorne Drängen

Diagnose: Wie erkenne ich eine schleichende Ketose?

Zuverlässig lässt sich eine Ketose nur durch die Untersuchung von Blut, Urin oder Milch feststellen.

  • Digitale Messung im Stall: gemessen werden Ketonkörper in Form von BHB (Beta-Hydroxibutyrat=Ketonkörper) , nur ein Tropfen Blut nötig, sofortige Ergebnisse, sehr genaue Ergebnisse
  • Teststreifen (sofortige Ergebnisse)
    –    Urinsticks: Ergebnisse etwas ungenau
    –    Milchteststreifen: Ergebnisse etwas ungenau, Verfälschung bei hohen Zellzahlen
  • Untersuchung im Labor:  gemessen werden Ketonkörper in Form von BHB und freie Fettsäuren (NEFA), gleichzeitig können auch die Leber- und Muskelenzyme mit bestimmt werden (z. B. GLDH, Bilirubin, CK, ASAT ).

Für das Herdenmonitoring  ist es sinnvoll, an einem festen Wochentag den Gehalt an Ketonkörpern im Blut (BHB) zu messen:

Digitale BHB Messung im Stall.

Digitale BHB Messung im Stall.

  • bei allen Trockenstehern ab zwei Wochen vor dem Abkalbetermin
  • bei allen frisch abgekalbten Tieren ab einer Woche nach der Abkalbung
  • Grenzwert zur subklinischen Ketose für Trockensteher: BHB über 0,7 mmol/Liter
  • Grenzwert zur subklinischen Ketose für abgekalbte Tiere: BHB über 1,4 mmol/Liter

Ein weiterer deutlicher Hinweis auf subklinische Ketose als Bestandsproblem sind Fett- Eiweiß-Quotienten von 1,5 und höher bei mehreren Kühen in den ersten  100 Laktationstagen.

Therapie: Wie wird Ketose behandelt?

Infusion von Invertzucker bei einer Kuh mit Klinischer Ketose

Infusion von Invertzucker bei
einer Kuh mit Klinischer Ketose

Wichtig ist, dass zuallererst abgeklärt wird, ob die Ketose die Folge einer anderen Grunderkrankung ist. Falls ja, muss natürlich diese zuallererst behandelt werden.
Die Ketosebehandlung besteht aus folgenden Komponenten:

  • Mehrtägige Infusion von Glukose- oder Invertzuckerlösungen
  • Einmalige Injektion von Dexamethason (z.B. Dexamethason, Dexatat, Voren)
    (Nicht bei tragenden Tieren!)
  • Mehrtägige Eingabe von Propylenglycol oder Natriumproprionat oder auch eines Kombinationspräparates
    • Phosphor-/Vitamin-B12-Verbindungen (z. B. Catosal) und aminosäurehaltige Präparate (z.B. Amynin) unterstützen Stoffwechsel- und Organfunktionen
      Dauer und Wiederholung der einzelnen Maßnahmen sind abhängig von den gemessenen Blutwerten und dem Zustand des Tieres.

Fragen zu Arzneimitteln und Therapieplan richten Sie bitte an Ihre(n) Hoftierärzt/-in!

Kann man Ketose auch homöopathisch behandeln?

Die homöopathische Therapie der Ketose

Die homöopathische Therapie
der Ketose

Ja, dabei ist aber verschiedenes zu beachten:

  • es sollte vorher auf keinen Fall Dexamethason gegeben, weil durch cortisonhaltige Präparate eine homöopathische Behandlung deutlich erschwert, wenn nicht sogar unmöglich gemacht wird.
  • Eingabe von Substanzen wie Propylenglycol oder Natriumproprionat und Infusionen sind auch bei einer homöopathischen Behandlung absolut notwendig, um fehlende Energie zuzuführen
  • klassisches homöopathisches Ketosemittel (auch bei der schleichenden Form) ist Flor de Piedra, das auch eine Leberschutzfunktion hat, bei herabgesetzter Pansentätigkeit auch Nux vomica
  • speziell zur Therapie eines Leberschadens gibt es zahlreiche homöopathische Mittel, die entsprechend den Symptomen (z. B.Kotbeschaffenheit, Körpertemperatur) ausgewählt werden.

Bitte besprechen sie die Potenz und die Dauer der Therapie auch hier mit ihrem Hoftierarzt. Homöopathische Arzneimittel aus der Humanmedizin müssen vom Tierarzt umgewidmet werden.

Wirtschaftlichkeit: Warum verursacht die Ketose so hohe Kosten?

Durch das geschwächte Immunsystem , kommt es zu Folgeerkrankungen

Durch das geschwächte Immunsystem,
kommt es zu Folgeerkrankungen

Die wirtschaftlichen Verluste entstehen vor allem durch die Folgekosten  der Erkrankung:

  • verringerte Milchleistung (200- 400 kg Milch pro Laktation)
  • 10 mal mehr Labmagenverlagerungen
    Schwächung des Immunsystems und dadurch erhöhtes Risiko für Infektionskrankheiten:
  • 4 mal mehr Gebärmutterentzündungen
  • 7 mal mehr Mastitiden

Tipp: Was kann ich tun, um Ketoseerkrankungen in meiner Herde vorzubeugen?

Besonders wichtig ist hier die Fütterung:

Das Fütterungsmanagement hat großen Einfluss auf die Stoffwechselgesundheit

Das Fütterungsmanagement hat großen Einfluss auf die Stoffwechselgesundheit

  • passendes Protein- Energieverhältnis und ausreichend strukturierte Rohfaser in allen Laktationsstadien, um eine optimale Stoffwechselfunktion zu gewährleisten
  • Zweiphasige Trockensteherfütterung:
    1. Phase vom Trockenstellen bis 2-3 Wochen  vor dem Abkalbetermin: Fütterung energie- und nährstoffarm, strukturreich (max. 5,7 MJ NEL/kg, über 20% XF, unter 10% Stärke, 12- 13 % XP, 11- 12 % nXP in der Trockenmasse)
    2.  Phase bis zur Abkalbung: Anfütterung (möglichst mit Komponenten aus der laktierenden Ration): nährstoff- und stärkereich (mindestens 6,5 MJ NEL/ kg TM, 16- 21% Stärke, 14- 15% XP, 14- 15% nXP,  in der Trockenmasse) [Mahlkow- Nerge 2011]
  •  optimale Futterqualität und häufige Futtervorlage erhöhen den Appetit
  • TMR gewährleistet eine gleichmäßige Aufnahme der Komponenten
  • Einstellung einer optimalen Körperkondition vor dem Trockenstellen (BCS um 3,5 bei HF und Braunvieh, bei Fleckvieh um 4,0)

Ein weiterer wichtiger Themenkreis ist der Kuhkomfort:

Kuhkomfort ist Basis für Stoffwechselgesundheit

Kuhkomfort ist Basis für Stoffwechselgesundheit

  •  Aufstallung der Kühe 1-2 Wochen vor der Abkalbung bis zwei Wochen danach auf Stroh, rutschfest, um das Aufstehen zu erleichtern
  • Kühe in Abkalbeboxen oder -ställen brauchen Sichtkontakt zu Herde
  • 12 m² Platz pro Tier im Abkalbebereich
  • gute Wasservaersorgung (Trogtränken, keinen Schalen)
    In größeren Abkalbeställen mit mehreren Tieren: ausreichend Platz am Futtertisch für jedes Tier, Fressgitter sollte vorhanden sein

Außerdem wichtig:

  • auf möglichst gesunde Klauen achten: eine Kuh, die beim Aufstehen und Laufen Schmerzen oder Schwierigkeiten hat, geht deutlich seltener zum Futtertisch
  • andere Erkrankungen, die zu vermindertem Appetit führen, möglichst frühzeitig behandeln, damit kein starker Energiemangel auftritt

Ergänzungsfuttermittel:

Orale Gabe von Propylenglycol

Orale Gabe von Propylenglycol

  • Eingabe von Propylenglycol zwei Wochen vor (ca. 150 ml pro Tier und Tag) bis vier Wochen nach der Kalbung (ca. 250 ml pro Tier und Tag) zur Stabilisierung des Energiestoffwechsels, direkte Einmischung von Propylenglycol in die Ration oder Installation einer Dosiervorrichtung am Kraftfutterautomaten
  • Gabe von Energiedrinks („Kuhtrank“) unmittelbar nach der Geburt, um verbrauchte Energie sofort wieder zuzufügen und durch die Flüssigkeit eine unmittelbare Pansenfüllung zu gewährleisten. (Falls dies durch Zwangsdrenchen geschieht, muss dies nach Futtermittelrecht durch den Tierarzt durchgeführt werden.) Einige der Präparate sind auch zur mehrmaligen Gabe vorgesehen.

Autorinnen: Tierärztin Esther von Lom, Dr. Marion Tischer