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Milchfieber – lebensbedrohlich und Ursache für Folgeerkrankungen

Die Tierärztin sagt…

„Klassisches Milchfieber kennt jeder: Die festliegende Kuh braucht schnellstens eine Kalziuminfusion, damit sie wieder aufsteht. Diese eine Kuh zeigt aber nur die Spitze des Eisberges an, denn Milchfieber ist ein Bestandsproblem. Oftmals leiden bis zu 30% einer Herde an der subklinischen Form: Sie geben weniger Milch und sind insgesamt krankheitsanfälliger.“

Das fragt die Landwirtin…

Symptome: Woran erkennt man Milchfieber?

Typisches „klassisches“ Milchfieber (Kalziummangel):

  • Vor allem hochleistende, ältere Tiere (ab 3. Laktation); sehr selten Färsen
  • Meist im Zeitraum um das Abkalben
Festliegende Kuh in sich selbst abhörender Haltung

Festliegende Kuh in sich selbst abhörender Haltung

Verläuft in 3 Phasen:

Phase 1: kurz, die Tiere sind überempfindlich und unruhig, zeigen Muskelzuckungen (z.B. Ohren, in der Schultergegend), kein Appetit, unwillig zu Laufen, unsicherer Gang
Phase 2:  sehr träge, Gangbild unkoordiniert, schläfriger Gesamteindruck, im weiteren Verlauf Festliegen in Brustlage, eingeschlagener Kopf, kalte Körperoberfläche und Ohren, normale bis erniedrigte Körpertemperatur (kein Fieber)
Phase 3: Festliegen in Seitenlage, keine Reaktion auf äußere Reize, Aufblähen möglich; falls keine sofortige Behandlung, verendet die Kuh

Atypisches Milchfieber (Magnesium-, Phosphormangel, Leberschaden):
  • Tier liegt fest, ist aber aufmerksam und nicht komatös (frisst, gibt Milch)
  • Spricht nicht auf die Kalziuminfusion an
  • Folgeschäden durch das Festliegen (Muskelschäden)
Subklinisches Milchfieber:
  • Tiere liegen viel, aber nicht fest
  • Stehen schwerfällig und nur zögerlich auf
  • Schwankender Gang
  • Fressen kaum und kauen nicht wieder
  • Wechselwarme Ohren
  • Erreichen nicht die erwartete Leistung nach dem Kalben

Krankheitsverlauf: Welche Folgeschäden entstehen im Tier?

Milchfieberkühe haben ein erhöhtes Risiko für Labmagenverlagerungen

Milchfieberkühe haben ein erhöhtes Risiko für Labmagenverlagerungen

Folgen eines Kalziummangels:
  • Muskeltätigkeit vermindert: Ausgrätschen/Ausrutschen (mit Folgeschäden wie z.B. Muskelrissen, Knochenbrüchen)
  • Die Futteraufnahme sinkt, infolgedessen steigt die Körperfettmobilisiation (Risiko für eine Ketose steigt)
  • Die natürlichen Bewegungen von Pansen und Labmagen werden reduziert (Risiko für Labmagenverlagerung steigt)
  • Muskelkontraktionen werden reduziert:
    des Schließmuskels der Zitze, der Zitzenkanal wird nach dem Melken nicht richtig verschlossen (Risiko für eine Mastitis steigt); der Gebärmutter (Risiko für eine Wehenschwäche bzw. Nachgeburtsverhaltung steigt)
  • Die Aktivität bestimmter Abwehrzellen sinkt (Anfälligkeit für Infektionskrankheiten steigt)

Diagnose: Wie kann Milchfieber diagnostiziert werden?

Die Entnahme der Blutprobe vor der Infusion dient der Diagnostik

Die Entnahme der Blutprobe vor
der Infusion dient der Diagnostik

Einzeltier: anhand der klinischen Symptome
aber Achtung: Bei schwerer toxischer Mastitis (E. coli Mastitis) treten sehr ähnliche Symptome auf.
Unterschied: die intravenöse Behandlung mit Kalziumpräparaten wird nur schlecht vertragen, Fieber >40 Grad Celsius, wässriges Eutersekret. Euterkontrolle bei jeder festliegenden Kuh!
Entnahme einer Blutprobe vor der ersten Infusion mit Kalziumpräparaten, falls die Kuh auf die Behandlung nicht anspricht und nicht innerhalb der nächsten 8 Stunden wieder aufsteht: Bestimmung des Kalzium- und Phosphorgehaltes.

Erhöhte Leber-und Muskelpararmeter weisen auf andere Ursachen des Festliegens hin

Erhöhte Leber-und Muskelpararmeter weisen auf andere Ursachen des Festliegens hin

Um das Milchfieber von anderen Erkrankungen abzugrenzen, die auch mit Festliegen einhergehen, ist es sinnvoll weitere Laborparameter zu bestimmen: Mg (Magnesium), P (Phospor), Muskelenzyme CK und ASAT (Muskelschäden),  Leberparameter GLDH und Bilirubin (Leberschäden).

Feststellung Milchfiebergefahr auf Herdenbasis:
Die Untersuchung von Harn kann HInweise auf Milchfiebergefahr anzeigen

Die Untersuchung von Harn kann HInweise auf Milchfiebergefahr anzeigen

Blut-und Harnuntersuchung der Transitkühe: Milchfiebergefahr besteht bei erhöhter NSBA (Netto-Säure-Basen-Ausscheidung) und niedrigem Kalziumgehalt im Harn. Niedrige Werte für AP (Alkalische Phosphatase) im Blutserum (Milchfieberindikator).

Therapie: Wann und wie wird behandelt?

Die schnelle Infusionstherapie ist in den meisten Fällebn erfolgreich

Die schnelle Infusionstherapie ist in
den meisten Fällebn erfolgreich

Klinische Fälle als Notfall sofort behandeln:

  • Tiere aufrichten, wenn sie in Seitenlage liegen, um ein weiteres Aufgasen zu verhindern (ggf. mit Strohballen abstützen)
  • Intravenöse Infusion von Ca-Lösungen (enthalten meistens auch Phosphat und Magnesium)
  • Dosierung: 1 ml pro KGW der handelsüblichen 24% Kalziumboroglukonatlösungen
  • Infusionsrate nach Wirkung, Mindestdauer 10 Minuten, Herzkontrolle (normale Reaktion auf Kalziuminfusion: Absinken der Herzfrequenz, bei Unregelmäßigkeiten, die Infusion verlangsamen oder abbrechen)
  • Bei ausbleibender Reaktion (Kuh steht nicht auf): Vergrittungsgeschirr anlegen, weich und rutschfest lagern, mindestens 4 mal pro Tag umdrehen
  • Je nach Blutprobenergebnis und Zustand der Tiere bis zu 2 Nachbehandlungen mit gleicher Dosis nach jeweils 12 Stunden

Subklinische Fälle: siehe Praxistipp

Fragen zu Arzneimitteln und Therapieplan richten Sie bitte an Ihre(n) Hoftierärzt/-in!

Wirtschaftlichkeit: Was bringt die Milchfieberprophylaxe?

Bei Milchfieber schlagen Therapiekosten und Folgerkrankungen zu Buche

Bei Milchfieber schlagen Therapiekosten und Folgerkrankungen zu Buche

Der Kostenpunkt für einen klinischen Milchfieberfall liegt bei 350 Euro (Therapiekosten, geringere Milch- und Fruchtbarkeitsleistung, Tierverluste). Bei subklinischem Milchfieber ist der wirtschaftliche Schaden achtmal so hoch (durch erhöhte Anfälligkeit gegenüber einer Vielzahl weiterer Erkrankungen und deren Behandlungskosten).

Praxistipp: Wie schütze ich meine Tiere vor Milchfieber?

Eine erfolgreiche Prophylaxe erfordert ein klares Konzept mit der Analyse der Schwachstellen des jeweiligen Betriebes.

Grundvoraussetzungen
Nur Kühe, die gut fressen, können auch genug Klazium aufnehmen

Nur Kühe, die gut fressen,
können auch genug Kalzium aufnehmen

Wichtig ist die Gewährleistung einer hohen Futteraufnahme im Kalbezeitraum, denn eine sinkende Futteraufnahme führt zu einer unzureichenden Kalziumaufnahme. Dabei hilft die Vermeidung einer Verfettung durch systematische Anwendung der Konditionsbeurteilung, denn überkonditionierte Kühe fressen schlechter im Vergleich zu dünneren Kühen. Auch abrupte Rationswechsel und schlechte Haltungsbedingungen (Überbelegung, mangelnder Liegekomfort) sind zu vermeiden.

Konzepte, den Kalziumhaushalt zu regulieren

Alle Milchfieberprophylaxemaßnahmen zielen auf eine Erhöhung der Kalziumverfügbarkeit durch eine verbesserte Aufnahme im Darm und Freisetzung im Knochen ab. Es gibt verschiedene Konzepte, die in unterschiedlicher Weise kombiniert werden können.

1. Kalziumgaben kurz vor und nach dem Kalben
Eingabe eine Klazium -Bolus zur Milchfieberprophylaxe (Quelle: Mahlkow-Nerge)

Eingabe eine Kalzium-Bolus zur
Milchfieberprophylaxe (Quelle: Mahlkow-Nerge)

Im Zeitfenster 12 Stunden vor bis 24 Stunden nach dem Kalben werden Kalziumpräparate als Lösung, Kartuschen oder Boli oral verabreicht (Herstellerangaben beachten).
Oder:
Unmittelbar nach der Kalbung subkutane oder intravenöse Gabe einer Kalziumboroglukonat- Lösung

VORSICHT:

  • Die Wirksamkeit wird beeinträchtigt, wenn die Zeitintervalle nicht eingehalten werden.
  • Die subkutane bzw. intravenöse Gaben besitzen nur kurze Wirkdauer, der prophylaktische Effekt ist unsicher, nur ergänzend
2. Kalziumarme Fütterung
Trockensteherration

Trockensteherration

Während der gesamten Trockenstehphase wird kalziumarm gefüttert. Insbesondere in der Transitphase (2-3 Wochen vor der Kalbung) darf das Kalziumangebot 40 g pro Kuh und Tag nicht überschreiten. Das Mineralstoffgemisch sollte kalziumarm und phosphorreich sein.

VORSICHT:

  • Sofort nach der Kalbung das Kalziumangebot auf den Bedarf einer frühlaktierenden Kuh anheben
3. Vitamin D

Es werden im Zeitfenster 2 bis 8 Tage vor der Kalbung Vitamin D3 intramuskulär verabreicht.

VORSICHT:

  • Wenn die Kühe nicht innerhalb einer Woche nach der Gabe von Vitamin D3 abkalben, dann MUSS nach 7 Tage nach der ersten Injektion eine zweite Behandlung durchgeführt werden (ansonsten steigt das Milchfieberrisiko)
  • Mögliche Nebenwirkungen: ungewollte Ablagerung von Kalzium in Weichteilgewebe (z.B. Blutgefäße), deshalb den Zeitpunkt der Geburt genau bestimmen, um eine Wiederholungsbehandlung zu vermeiden, nie mehr als zweimal behandeln, bei Färsen nicht anwenden
4. Strategien unter Ausnutzung der Kationen-Anionen-Bilanz

Im Zeitraum 2-3 Wochen vor der Kalbung wird mit einer Ration in einem bestimmten DCAB (dietary cation anion balance) -Bereich gefüttert. Das Ziel ist den natürlicherweise bei Pflanzenfressern vorkommende hohen Blut-pH-Wert (Alkalose, wirkt hemmend auf den Kalziumstoffwechsel) abzusenken und die Regulationsmechanismen zu aktivieren.

VORSICHT:

  • Vorraussetzung ist eine chemische Analyse der Grobfuttermittel, da Tabellenwerte zu ungenau sind, DCAB-Werte der anderen Futtermittel kann aus Tabellen entnommen werden, mit diesen Kennwerten wird die Ration zusammengestellt, die DCAB sollte 250 mequ/kg TS nicht überschreiten
  • Es muss immer eine Erfolgskontrolle (mindestens wöchentlich) bei mehreren Tieren erfolgen (Harn-pH-Wert, Netto-Säure-Basen-Ausscheidung /NSBA im Harn bei Tieren, die die Anionenration seit mindestens 5 Tagen fressen)
  • Der Gesamtkaliumgehalt sollte 15 g/kg TS nicht übersteigen (dafür sind Anwelksilagen von extensiv gedüngten Flächen, Maissilage und Stroh geeignet)
  • Anforderungen an Energie-, Rohfaser-, Protein-, Vitamin- und Spurenelementversorgung beachten
  • Saure Salze nie mehr als 3 Wochen füttern
DCAB: Was ist das?

Das DCAB (dietary cation anion balance)- Konzept bilanziert den Gehalt an Kationen und Anionen in einer Futterration. Im Mittelpunkt stehen die Konzentrationen der starken Kationen Kalium und Natrium und der starken Anionen Chlorid und Schwefel. Diese Werte ermöglichen eine Orienttierung für den zu erwartenden Effekt einer Ration auf den Säure-Basen-Haushalt der damit gefütterten Tiere. Mit sauren Salzen, besser DCAB-Regulatoren genannt, kann die Ration auf den gewünschten DCAB-Bereich eingestellt werden.

Autorinnen: Dr. med. vet. Katharina Traulsen, Tierärztin  & Dr. Marion Tischer