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Tuberkulose – auch totgesagte Rinderseuchen leben länger

aufmacherTB„Die Rindertuberkulose (TBC oder TB) ist eine ansteckende, durch Bakterien (Mycobacterium bovis oder Mycobacterium caprae) verursachte Infektionskrankheit, die meist die Atemwege befällt. Rindertuberkulose ist vom Rind auf den Menschen übertragbar –  aber auch umgekehrt. In Deutschland galt die Rindertuberkulose jahrelang als fast ausgerottet, aber seit Herbst 2012 sind in Teilen Bayerns einige Ausbrüche der Rinder- TB festgestellt worden. Seit Anfang 2013 werden bundesweit alle Rinder untersucht, die in den letzten 5 Jahren aus den betroffenen Kreisen zugekauft wurden, und die älter als 24 Monate sind. Von Januar bis Juni 2013 wurden bundesweit 40 Fälle gezählt. Die Tuberkulose der Rinder zählt in Deutschland zu den anzeigepflichtigen Tierseuchen.“

Fragen und Antworten

Symptome: Woran erkenne ich, dass ein Rind Tuberkulose hat?

Ein abgemagertes Rind mit TBC

Ein abgemagertes Rind mit TBC

  • am häufigsten bei erwachsenen Rindern: Lungentuberkulose: matter Husten, erschwerte Atmung, Fieberschübe und zunehmende Abmagerung
  • oft auch nur Abmagerung und Leistungsabfall (Fälle 2013 in Bayern)
  • früher bei Kälbern häufiger: Rachen- und / oder Darmtuberkulose, Symptome selten (z.B. Durchfall, Kotverhaltung, Kolik)
  • auch Befall so gut wie aller anderen Organsysteme möglich (z.B. Niere, Geschlechtsorgane, Knochen, Haut, Euter)
TBC Ln. mediast.cut

Lungenlymphknoten (Quelle: Landratamt Ostallgäu)

  • Erregerausscheidung: durch frisch infizierte Tiere, da später die Bakterien vom Körper abgekapselt werden  oder durch Tiere in einem weit fortgeschrittenen Stadium („offene Tuberkulose“) erst nach Bildung von offenen Geschwüren oder Abszessen in den Organen (tritt kaum noch auf, weil die Kühe schon vorher abgehen)
  • in der Endphase schneller Zusammenbruch und Tod (diese Phase wird heute nicht mehr erreicht, weil die Tiere vorher aus dem Bestand entfernt werden)

Diagnostik: Wie wird Tuberkulose beim Rind festgestellt?

TuberkulinisierungKlein

Tuberkulinisierung (Quelle: Landratamt Ostallgäu)

Am lebenden Tier

a) Hauttest (Tuberkulinprobe):
–    Messung der Hautdicke an einer Stelle am Hals, Injektion von Tuberkulin (gereinigtes Bakterienprotein aus den entsprechenden Erregern) in die Haut, Vergleichsmessung 72 Stunden später

Funktionsprinzip: wenn sich das Rind bereits mit dem Erreger auseinandergesetzt hat: allergische Reaktion an der Injektionsstelle (deutliche Hautverdickungen, Schmerzhaftigkeit, Geschwüre)
–    heute i.d.R. als Simultantest, da sonst Verwechselung mit (für das Rind) harmloser Geflügeltuberkulose möglich, d.h. vergleichende Testung von Rinder- und Geflügeltuberkulin

Tuberkulinisierung QuaddelKlein

Positive Hautreaktion (Quaddelbildung)
(Quelle: Landratamt Ostallgäu)

Sicherheit der Ergebnisse:

1.    falsch positive Ergebnisse möglich durch:
unspezifische Reaktionen der Tiere aufgrund des Vorliegens einer anderen Infektion
2.    falsch negative Ergebnisse möglich:
in den ersten 4-6 Wochen nach der Erstinfektion; bei Kühen kurz vor oder nach dem Kalben; bei Tieren, die zuvor mit entzündungshemmenden Medikamenten behandelt wurden
b) Blutuntersuchung (Gamma-Interferontest) :
–   auch hier sowohl falsch positive als auch falsch negative Ergebnisse möglich

Perlsucht RindKlein

Perlsucht Leber
(Quelle: Landratamt Ostallgäu)

Untersuchungen am toten Tier:

–    Sektion
–    Mikroskopische Gewebsuntersuchungen
–    Molekularbiologische Untersuchungen (PCR)

Bakteriologischer Nachweis aus Organen oder Ausscheidungen (Kot, Milch, Schleim, Eiter):

–    dauert bis zu acht Wochen
–    am lebenden Tier nur bei „offener Tuberkulose“ möglich (nur dann sind die o.g. Körperflüssigkeiten erregerhaltig)

Wann gilt die Tuberkulose in meinem Betrieb als amtlich festgestellt?

a) Tuberkulosefeststellung:

  • Erreger bakteriologisch nachgewiesen
  • Erreger molekularbiologisch nachgewiesen (PCR)
  • Positiver Hauttest/ Bluttest mit anschließendem bakteriologischen Nachweis

b) Tuberkuloseverdacht:

  • Symptome am lebenden Tier
  • Typische Veränderungen bei Sektion oder Schlachtkörperuntersuchung
  • Die Untersuchungen unter a) sind nicht eindeutig negativ

Zoonose: Worauf müssen wir selber besonders achten, wenn in unserem Betrieb Rinder- Tb festgestellt wurde?

Tierarzt-Kleiderwechsel

Kleiderwechsel

Wie in jedem Seuchenfall, sollten auch bei einem Tuberkuloseausbruch sämtliche Hygienemaßnahmen von allen Personen im Betrieb besonders konsequent durchgeführt werden

  • tuberkulosekranke Rinder können Menschen anstecken
  • genauso können erkrankte Menschen auch Rinder infizieren
  • infizierte Rinder scheiden den Erreger nicht zwangsläufig aus
  • wenn Ausscheidung erfolgt, dann je nach Sitz der tuberkulösen Herde über Sekrete aller Art oder über Tröpfchen in der Atemluft
  • infizierte Menschen können lebenslang symptomfrei bleiben, bei Ausbruch meist Atemwegserkrankungen, leichtes Fieber, Abmagerung
  • Reinigung von Personen, Stallungen und Geräten nach amtlicher Anweisung ernst nehmen
  • Konsequentes Wechseln der Stallkleidung beim Betreten und Verlassen des Stalls
  • Beim Verlassen des Stalls grundsätzlich Reinigung und ggf. Desinfektion der Hände
Wie sehen die amtlichen Maßnahmen aus?

Bekämpfung muss in Absprache mit dem zuständigen Amtstierarzt erfolgen!

1.    unklares Ergebnis der Tuberkulinprobe am Tier:

  • entweder Tötung und Sektion
  • oder Nachuntersuchung mittels Tuberkulinprobe nach sechs Wochen
  • oder Nachuntersuchung per Blutprobe
  • außerdem immer: Tuberkulinprobe bei allen Rindern des Bestandes ab einem Alter von über sechs Wochen

2.    Tuberkuloseverdacht bei der Fleischbeschau:

  • weiterführende Untersuchung des Schlachtkörpers
  • Untersuchung aller über sechs Wochen alten Rinder des Bestandes mittels Simultantest (Ausnahmen für Masttiere)

3.    positives Ergebnis der Tuberkulinprobe bei einem Tier:

  • Tötung und Sektion
  • Tuberkulinprobe bei allen Tieren des Bestandes über sechs Wochen Alter
Stallinfektion

Stallinfektion

4.    Sperrung des Bestandes:

  •  auch bei Verdacht auf Tb (mit Einschränkungen)
    Stallhaltung, abgesonderte Weidehaltung nur mit behördlicher Genehmigung
  • Tiere dürfen den Bestand nur mit behördlicher Genehmigung verlassen
  • Milch von infizierten Kühen muss beseitigt werden, Milch der übrigen Kühe kann nach Erhitzen (durch die Molkerei) verwertet werden
  • Besondere Anweisungen zu Reinigung und Desinfektion sowohl von Personen mit Tierkontakt als auch von Gegenständen und Ställen
  • Besondere Anweisungen zum Umgang mit Mist und Gülle

5.    Nachforschungen zur Ansteckungsquelle

  • betrifft die letzten fünf Jahre
  • Betriebe von denen die Infektion ausgegangen sein kann  (z.B. Zukäufe)
  • Betriebe in die Tuberkulose verschleppt worden sein kann (z.B. Verkäufe)
Aufhebung der Schutzmaßregeln: Wann endet die Sperre für meinen Betrieb?

Sperrmaßnahme werden aufgehoben wenn amtlicherseits festgestellt worden ist, dass

  • sich der Verdacht auf Tb als unbegründet erwiesen hat oder
  • die  Tuberkulose erloschen ist, sich also keine kranken oder verdächtigen Tiere mehr im Bestand befinden

Therapie: Wie kann Rinder-TB behandelt werden?

Es herrscht ein absolutes Impf- und Behandlungsverbot. Nachgewiesenermaßen infizierte Tiere müssen grundsätzlich getötet werden.

Finanzieller Schaden: Welche Kosten kann ein Tb- Ausbruch in meinem Bestand verursachen?

Für Betriebe, in denen auch nur der Verdacht eines Ausbruchs festgestellt wird, hat dies weitreichende Konsequenzen: Betriebssperren und angeordnete Tötungen können zu hohen  finanziellen Verlusten führen.

  • Tierverkäufe fallen aus oder sind stark eingeschränkt
  • Milch von als Tb- frei getesteten Kühen eines gesperrten Bestandes ist zwar nach Erhitzen verkehrsfähig, die Molkerei ist jedoch nicht verpflichtet sie abzunehmen
  • Tiere, die auf Anordnung getötet werden, werden über die Tierseuchenkasse ersetzt
  • In Bayern werden die Betriebe durch den bayerischen Milchförderfond unterstützt

Prophylaxe: Wie kann ich meinen Bestand vor Tuberkulose schützen?

  • Ansteckung durch Menschen vermeiden: nur nachweislich tuberkulosefreie Personen sollten Zutritt zum Stall haben, Abklärung schleichender Atemwegserkrankungen beim Arzt
  • Ansteckung durch Haustiere vermeiden: Tb auch durch Hunde und Katzen übertragbar, wenn Zutritt zum Stall nicht vermeidbar: untersuchen lassen, vor allem wenn schleichende Atemwegserkrankungen vorliegen
  • Ansteckung durch Wildtiere vermeiden: Ansteckung durch Rotwild in Bayern als Ursache für gehäuftes Auftreten von Rinder- Tb vermutet; Keine Wildfütterung auf Rinderweiden, keine Salzlecksteine, die für beide Tierarten erreichbar sind, keine Beweidung von Rotwildgattern
  • Bei Rindern Symptome ernst nehmen, die auf Tb hinweisen können: unerklärliche Leistungseinbußen, schleichende Atemwegserkrankungen, chronische Abmagerung, vergrößerte Lymphknoten (schwierig, da bei den aktuellen Fällen in Bayern  so gut wie keine Symptome auftreten)

 

Autorin: Tierärztin Esther von Lom