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Der große Leberegel: Erhöhtes Infektionsrisiko an feuchten Standorten

Fasciola hepatica, Leber, RindKlein„Der große Leberegel (Fasciola hepatica) ist ein Parasit, der bei Rindern erhebliche Gesundheitsschäden und infolgedessen hohe wirtschaftliche Verluste verursachen kann.

Das Vorkommen von Leberegeln ist in Deutschland regional sehr verschieden. Am stärksten betroffen sind Schleswig- Holstein, Niedersachsen, Mecklenburg- Vorpommern und Bayern, wobei auch innerhalb der Bundesländer das Vorkommen der Parasiten sehr ungleichmäßig verteilt ist.

Besonders gefährdet sind Feuchtgebiete, Moore oder Weiden mit stehenden Gewässern, Bachläufen und unbefestigten Tränkeplätzen, weil sich hier die Zwergschlammschnecke, die den Larven der Leberegel als Zwischenwirt dient, gut entwickelt.“

Fragen und Antworten

Entwicklung: Wie entwickelt sich der große Leberegel?

Ein Überblick über den Entwicklungskreislauf des großen Leberegels hilft bei Diagnose und Bekämpfung:

  • Ausscheidung von Leberegeleiern mit dem Kot durch befallene Rinder
  • Zwergschlammschnecken von einem überschwemmten Weideboden, (FU Berlin, Parasitologie)

    Zwergschlammschnecken von einem überschwemmten
    Weideboden, (FU Berlin, Parasitologie)

    Nach 9-28 Tagen: Schlüpfen des ersten Larvenstadiums in der Außenwelt
    (nur bei Temperaturen über 10°)

  • Eindringen in die Zwergschlammschnecke (wenn nicht innerhalb 24 Stunden möglich: Absterben der Larven) und Weiterentwicklung zum nächsten Larvenstadium (hierbei nochmals 500- 1000fache) Vermehrung
  • Larven verlassen die Schnecke und heften sich an Futterpflanzen an
  • Larven verkapseln sich innerhalb von 2-3 Tagen, daher lange Überlebensfähigkeit
  • Aufnahme der Kapsellarven mit dem Futter durch die Tiere
  • im Dünndarm: Ausschlüpfen der Jungegel aus den Kapseln
  • Wanderung der Jungegel vom Dünndarm durch das Bauchfell in die Leber (unter Durchbohrung von Darmwand, Bauchfell und Leberkapsel)
  • Erwachsener Leberegel

    Erwachsener Leberegel

    Einwanderung in die Gallengänge (Dauer ca. 6 Wochen, in dieser Zeit Ernährung von Lebergewebe)

  • In den Gallengängen: Heranreifung zu erwachsenen Leberegeln, Produktion von Eiern (täglich 5.000- 10.000 pro Egel)
  • Abgabe von Eiern mit der Gallenflüssigkeit schubweise in den Darm

Symptome: Woran erkenne ich, dass meine Tiere mit dem großen Leberegel befallen sind?

Die Erkrankung kann akut, subakut oder chronisch verlaufen, wobei die chronische Form bei erwachsenen Milchkühen mit Abstand am häufigsten auftritt.

Struppig und abgemagerter Kälber

Struppig und abgemagerter Kälber

Chronischer Leberegelbefall

  • hervorgerufen durch die Besiedlung der Gallengänge in der Leber mit ausgewachsenen Egeln
  • chronische Gallengangsentzündung
  • Symptome: Rückgang von Futteraufnahme und Milchleistung, Abmagerung, struppiges Fell, veränderte Kotkonsistenz (Verstopfung oder Durchfall), Fruchtbarkeitsstörungen und Aborte
  • selten und nur bei starkem Befall: veränderte Blutzusammensetzung (veränderte Leberwerte, Blutarmut), Sonnenbrand an unpigmentierten Hautstellen

Akute und subakute Form:

  • tritt insgesamt seltener auf
  • verursacht durch die Wanderung von Larven aus dem Darm durch die Bauchhöhle in die Leber
  • Bauchfellentzündung, Leberentzündung
  • Symptome: Rückgang der Futteraufnahme, Verdauungsstörungen, Bauchschmerzen (aufgekrümmter Rücken, erhöhte Bauchdeckenspannung), leichtes Fieber, leichte Anämie, veränderte Leberwerte
  • selten: Plötzliche Todesfälle durch Verbluten nach Riss der Leberkapsel

Diagnose: Wie wird ein Befall mit dem großen Leberegel festgestellt?

Da die Erkrankungssymptome unspezifisch sind, und keinen eindeutigen Hinweis auf den Parasiten bieten, ist eine sorgfältige Diagnostik für eine gezielte Bekämpfung des großen Leberegels wichtig.

Verdacht auf Leberegelbefall in der Herde:

  • die oben genannten Symptome treten bei den Tieren der Herde vermehrt auf
  • und/ oder vermehrte Beanstandung von Lebern am Schlachthof

Leberegelbefall kann auf verschiedenen Wegen festgestellt werden:

  1. direkte Feststellung von Egeln in der Leber eines geschlachteten Tieres oder bei der Sektion eines toten Tieres
  2. Kotuntersuchung (möglich ab 10 Wochen nach der Infektion, Vorteil: gleichzeitige Untersuchung auf andere Parasiten möglich, Nachteil: geringe Sicherheit, da Eiausscheidung nicht gleichmäßig sondern schubweise erfolgt)
  3. Antikörpernachweis in Blut- oder Milchproben
    Tankmilchprobe

    Tankmilchprobe

     (möglich ab 2- 4 Wochen nach Infektion, Vorteil: hohe Sensitivität, Nachteil: Antikörper können auch noch lange nach einer überstandenen Infektion nachgewiesen werden). Erster Überblick ob die Infektion überhaupt in der Herde vorkommt: Tankmilchprobe und gepoolte Kot- oder Blutproben von (verdächtigen ) Jungtiergruppen

Wirtschaftliche Folgen: Was für Kosten verursacht der Befall meiner Kühe mit dem großen Leberegel?

Wirtschaftliche Schäden entstehen durch:
  • verminderte Milchleistung von über 400 l pro Kuh und Jahr
    (Rabeler 2011, Ilchmann et al.2002)
  • reduzierte Fruchtbarkeit
  • erhöhtes Erstkalbealter
  • verminderte Zunahmen
  • zusätzlich evtl. Behandlungskosten für schwerer erkrankte Tiere

Prophylaxe: Was kann ich tun um einen Leberegelbefall meiner Herde zu verhindern oder dauerhaft einzudämmen?

Eine wirksame Leberegelbehandlung beim Rind sollte immer auch weide- und futterhygienische Maßnahmen beinhalten.

Matschige Weiden sind ein Paradies für die Zwergschlammschnecke

Matschige Weiden sind ein Paradies
für die Zwergschlammschnecke

Weide:
  • stehende und fließende Gewässer auf der Weide für die Tiere unzugänglich machen
  • stattdessen befestigte und trockene Tränkestellen einrichten
  • Feuchtgebiete auszäunen, kleinere Moraststellen soweit wie möglich trockenlegen
  • keine Gülleausbringung auf Weideflächen
  • Wechsel von Weide- und Schnittnutzung
Futter:
  • Überlebensfähigkeit der Larven an den Futterpflanzen auf der Weide und im Heu: 2-6 Monate bei gemäßigten Temperaturen
  • Überlebenszeit in Grassilage nur ca. vier Wochen
  • von bekanntermaßen befallenen Flächen möglichst nur Silage gewinnen,  Heu erst nach sechsmonatiger Lagerung verfüttern
Tierzukauf:
  • verhindern, dass Leberegel mit Zukaufstieren eingeschleppt werden.
  • entweder nur leberegelfreie Tiere zukaufen
  • oder Zukaufstiere unverzüglich gegen große Leberegel behandeln

Kombinierter Ansatz: Wie können Therapie- und Prophylaxemaßnahmen sinnvoll miteinander kombiniert werden?

Bei diesem Ansatz ist es wichtig, dass Sie konsequent sind. Eine Studie hat gezeigt, dass Landwirte nach vier bis fünf Jahren konsequenter Anwendung des kombinierten Ansatzes, die Fasziolizide deutlich reduzieren konnten bzw. diese im besten Fall überflüssig wurden.

Folgende Arbeitsschritte sieht der kombinierte Ansatz vor:

  1. Schritt:
    Welche Tiergruppe ist mit dem Leberegel identifiziert? Mindestens fünf Tiere einer Gruppe müssen beprobt werden.
  2. Schritt:
    Welche Weide hat ein Primärhabitat (d. h. ein Gewässer, in dem die Zwergschlammschnecke lebt und das über einen längeren Zeitraum im Jahr nicht austrocknet)?

Folgende Handlungsmöglichkeiten ergeben sich aus den Untersuchungsergebnissen:

Möglichkeit 1:

  • Jungtiere sind infiziert
  • die separaten Jungtierweiden haben Schneckenhabitate
  • Aktion: Jungtiergruppe wird nach Weideabtrieb mit Arzneimittel (AM) gegen juvenile und adulte Stadien behandelt. Eine Behandlung vor Weideauftrieb reduziert den Infektionsgrad der Weide. Primärhabitate trockenlegen.

Möglichkeit 2:

  • Milchkühe sind infiziert
  • Aktion: Milchkühe im Winter mit AM gegen adulte Leberegel und eingeschränkter Wirkung gegen juvenile Stadien behandeln. Dadurch reduziert sich die Eiausscheidung im Frühjahr auf der Weide.
  • Weiden Trockensteher und Milchkühe zusammen, können Trockensteher in der Weideperiode.
    Ggf. zusätzlich behandelt werden, da dies sich positiv auf Laktationsstart und Fruchtbarkeit auswirken kann. Primärhabitate trockenlegen.

Möglichkeit 3:

  • Milchkühe sind infiziert
  • nur einige Milchkuhweiden zeigen Primärhabitate (häufigste Form)
  • Aktion: Weiderotation nach Boray
  • Wichtigstes Prinzip: Die Zwergschlammschnecken der Weiden dürfen sich nicht mit den Leberegeleiern infizieren!

Aus diesem Prinzip leitet sich folgendes Schema ab:

  1. Behandeln Sie die Kühe vor dem Weideaustrieb mit einem AM und verbringen sie die Tiere auf infektiöse Weiden.
  2. Nach acht Wochen müssen die Kühe dann auf nicht-infektiöse Weide umgeweidet werden, da sie jetzt wieder Eier ausscheiden können. Den Rest des Sommers verbringen sie auf nicht-infektiösen Weiden und werden im Winter erneut behandelt. Maßnahmen für Trockensteher und Weidepflege gelten wie oben beschrieben.

Autorin: Kristin Resch

weiterführende Literatur:
G. Knubben-Schweizer et al.: Die Bekämpfung des großen Leberegels beim Rind, in: Tierärztliche Praxis Großtiere 3/2011.

Therapie: Wie wird der große Leberegel bekämpft?

Für die medikamentöse Bekämpfung des Parasiten bei Jungrindern (oder Mutterkühen) stehen verschiedene Präparate zur Verfügung, die sich dadurch unterscheiden, ob sie nur gegen die erwachsenen Stadien oder auch gegen die verschiedenen Larvenstadien des großen Leberegels wirksam sind. Bei Milchkühen hingegen sind die Therapiemöglichkeiten sehr eingeschränkt.

 Milchkühe:
  • derzeit in Deutschland nur ein Wirkstoff zugelassen
  • nur Abtötung der erwachsenen Leberegel
  • Wirkung auch gegen erwachsene Stadien zum Teil nur unzureichend
  • Wartezeit auf Milch 5 Tage
  • Anwendung während der Trächtigkeit ist eingeschränkt
  • möglichst gezielte Behandlung befallener Tiergruppen
Behandlungszeitplan:
  • Behandlung im Herbst bei oder nach der Aufstallung, um gesundheitliche Schäden zu vermeiden
  • einmalig mit einem Präparat gegen alle Stadien oder zweimalig, wenn mit einem Wirkstoff gearbeitet wird, der nur gegen erwachsene Leberegel wirksam ist
  • zweite Behandlung  im Frühjahr vor dem Austrieb, um eine erneute Weidekontamination  durch im Kot ausgeschiedene Eier des Parasiten zu vermeiden

Was ist der Unterschied zwischen kleinen und großen Leberegeln?

Der kleine Leberegel (Dicrocoelium dentriticum), auch Lanzettegel genannt, kommt in Deutschland hauptsächlich in den südlichen Landesteilen, hier vor allem in den Alpenregionen, vor. Seine Zwischenwirte leben auf trockenen, kalkreichen Böden, weshalb der Parasiten hier eher anzutreffen ist.

Symptome:
  • weniger starke Gewebsschädigung, daher so gut wie nie akute Symptome
  • aber schleichender Leistungsrückgang, deswegen Befall oft übersehen
Diagnose:
  • am lebenden Tier: Kotuntersuchung (gleiche Unwägbarkeiten wie bei Untersuchung auf den großen Leberegel)
  • bei Schlachtung oder Sektion
Therapie:
  • Präparate gegen den großen Leberegel nicht wirksam bei Befall mit dem Lanzettegel
  • Wirkstoff Fenbendazol gegen Magen- Darm- Würmer hat auch eine Teilwirkung gegen den kleinen Leberegel (Achtung Wartezeit auch auf Milch!)
  • Therapiemöglichkeit sehr begrenzt

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Autorin: Tieräztin Esther von Lom