Beitrag Drucken

Chlamydien, die versteckten Erreger

sabortDiese Bakterien können an verschiedenen Krankheitskomplexen beteiligt sein, zudem sind sie oft die Wegbereiter für weitere Bakterien, die deutliche schwerere Krankheitsverläufe verursachen. Eine Untersuchung aus NRW 2008 kommt zu dem Ergebnis, dass hier chlamydienartige Erreger in 61% der Betriebe vorhanden sind. Die Bakterien bezeichnet man inzwischen als „Chlamydiaceae“.  Im Text haben wir den bekannteren Ausdruck „Chlamydien“ verwendet.

Fragen und Antworten

Symptome: Woran kann ich erkennen, dass sich meine Tiere mit Chlamydien infiziert haben?

Scheidenausfluss

Scheidenausfluss

Am bekanntesten sind durch Chlamydien ausgelöste Fruchtbarkeitsstörungen und Atemwegserkrankungen, sie können aber auch für Gelenkentzündungen, Mastitiden, Durchfall, Augenerkrankungen und Entzündungen von Gehirn und Rückenmark verantwortlich sein. Die „eine, eindeutige“ Chlamydienerkrankung gibt es also nicht, dennoch weisen einige Symptome auf die Erreger hin.

Fruchtbarkeitsstörungen:

  • Aborte im letzten Trächtigkeitsdrittel (6.- 8. Monat)
  • Frühgeburten  (vor dem 270. Trächtigkeitstag)
  • vermehrte Geburten lebensschwacher Kälber
  • hartnäckige, therapieresistente Gebärmutterentzündungen mit eitrigem Ausfluss und nachfolgend verlängerter Güstzeit, auch bei noch nicht abgekalbten Tieren
  • Hoden- und Nebenhodenentzündungen bei Deckbullen
Mastitiden:
  • zu Beginn hochakut
  • hohes Fieber (bis 41°)
  • Euterviertel heiß und geschwollen
  • Milch gelb- bräunlich mit weißen Flocken
  • Milchleistung sinkt nahezu auf Null, Verbesserung nach 10- 12 Tagen, aber keine Rückkehr zum alten Leistungsniveau
Atemwegserkrankungen:
  • hauptsächlich bei Jungtieren
  • schleimig- eitriger Nasenausfluss
  • trockener Husten
  • leichtes Fieber-
  • nur selten schwere Erkrankungsverläufe
  • bei Hinzukommen anderer Erreger: auch schwerwiegende, tlw. tödliche Lungenentzündungen
Bindehautentzündungen
  • gerötete Augen und Lidbindehäute
  • starker Tränenfluss
Durchfall
  • ebenfalls hauptsächlich Jungtiere
  • setzt plötzlich ein
  • z. T. mit Fieber
  • schleimig bis wässrig
  • Achtung: hohe Erregerausscheidung, große Ansteckungsgefahr trotz oft unspektakulärem Verlauf!

Entzündungen von Gelenken und Sehnenscheiden bei Tieren aller Altersklassen.

Entzündungen von Gehirn und Rückenmark:
  • selten
  • schwankender Gang
  • zunehmende Nachhandlähmung

Die Infektion kann sich auf mehrere Organsysteme und Altersgruppen auswirken oder auf einen Bereich beschränkt bleiben.

Diagnose: Wie lässt sich eine Chlamydieninfektion feststellen?

Da die Chlamydien sich (im Gegensatz zu allen anderen Bakterien) größtenteils innerhalb der Körperzellen aufhalten, sind sie mit den normalen bakteriologischen Untersuchungsmethoden nicht feststellbar. Außerdem sind sie dort sowohl für die köpereigene Abwehr als auch für die antibiotische Therapie schlecht zu erreichen.
Erregerausscheidung über:

  • Milch
  • Harn
  • Kot
  • Fruchtwasser
  • Nasensekret
Direkter Erregernachweis:
Entnahme des Scheidentupfers

Entnahme des Scheidentupfers

  • geeignetes Untersuchungsmaterial: Nachgeburten (ggf. tiefgefroren, falls eine unmittelbare Untersuchung nicht möglich ist), Organmaterial aus Sektionen, Milchproben, trockene Tupfer (ohne Eiter) aus Scheide, Gebärmutterhals, Nase und Augenbindehaut
  • evtl. Mitbeteiligung anderer Infektionserreger auf jeden Fall mit abklären
Indirekter Erregernachweis/ Antikörpernachweis:
  • Untersuchungsmaterial: Blut
  • nach Infektion sehr späte Antikörperbildung, niedrige Blutspiegel- ungeeignet zum Nachweis akuter Infektionen
  • geeignet als Überblick, ob es im Bestand bereits eine Chlamydieninfektion gibt oder gegeben hat
  • gleichzeitige Untersuchung auf Antikörper gegen andere infrage kommende Krankheitserreger

Wie werden Chlamydien übertragen?

Viele, oft unerkannt infizierte Rinder scheiden immer wieder Chlamydien aus und stecken andere an.

Mögliche Übertragungswege:
  • am häufigsten: Aufnahme über das Maul (Kontamination des Futters mit infektiösen Ausscheidungen, bei Kälbern über erregerhaltige Milch)
  • infiziertes Sperma
  • Atemluft
  • Zitzenkanal
  • Erregerkontakt zu den Lidbindehäuten
  • höchstwahrscheinlich auch Ansteckung durch Schafe oder Vögel (häufiger mit Chlamydien infiziert)

Zoonose: Kann ich mich bei meinen Tieren auch anstecken?

Chalmydien im Kuhstall können für schwangere Frauen gefährlich werden

Chalmydien im Kuhstall können
für schwangere Frauen gefährlich werden

Leider liegen zur Übertragbarkeit von Chlamydien zwischen Rind und Mensch bislang keine eindeutigen Untersuchungsergebnisse vor. Klar nachgewiesen:

  • Ansteckung von Menschen durch Vögel („Papageienkrankheit“ beim Menschen)
  • Ansteckung durch Schafe und Ziegen (Aborte schwangerer Frauen nach Kontakt zu infizierten Tieren)
  • Erregerstämme sind dabei häufig die gleichen wie beim Rind, daher Ansteckungsgefahr für Menschen sehr wahrscheinlich

Prophylaxe: Was kann ich tun, um einen Chlamydienausbruch in meinem Bestand zu verhindern?

Erreger aus der Gruppe der Chlamydien sind vermutlich in vielen Beständen vorhanden, ohne dass Krankheitssymptome auftreten.
Stressfaktoren bringen das labile Gleichgewicht ins Wanken:

  • weitere Infektionen
  • mangelhafte Stall- und Futterhygiene
  • Überbelegungen
  • Fütterungsmängel
  • dadurch bedingt: Immunschwäche-  steigender Erregerdruck- Symptome im Bestand

Erste Anzeichen im Bestand:

  • unerklärliche Milchleistungseinbrüche
  • steigende Zellzahlen
  • wellenförmige „Fruchtbarkeitseinbrüche“
  • dann zunehmend die typischen Symptome bei den Tieren

Hygiene ist zur Erregereindämmung  entscheidend:

  • DSC06826Erregerverbreitung durch Harn, Kot, Milch und Fruchtwasser/ Nachgeburten
  • Sauberkeit von Liegeboxen und Laufgängen wichtig
  • Abkalbeboxen möglichst nur einzeln belegen
  • Reinigung und Desinfektion vor jeder Neubelegung
  • Hygienerisiko: freifliegende Vögel und Nester im Stall (Vogelkot kann außer Chlamydien auch Salmonellen und andere Infektionserreger enthalten), Abhilfe in Problembeständen: Abspannen des Futtertisches mit einem Netz
  • abortierende Kühe und solche mit Gebärmutter-und/oder Scheidenentzündungen in einem separaten Krankenstall von der restlichen Herde trennen
  • ebenso Durchfallkälber
  • Zukaufstiere: vierwöchige Quarantänezeit, von der Herde getrennt
  • Entfernung chronisch infizierter, therapieresistenter Tiere aus dem Bestand (dauerhafte Infektionsquelle)

Vermeidung von haltungs- und fütterungsbedingtem Stress:

  • Futetraufnahmekeine Überbelegung von Ställen und Buchten
  • passendes Tier- Fressplatz- Verhältnis
  • ausreichende Anzahl von Liegeboxen
  • bedarfsgerechte Ration
  • Optimierung des Fütterungsmanagements

Therapie: Wie kann eine Chlamydieninfektion behandelt werden?

Da die antibiotische Therapie auch nicht immer erfolgreich ist, ist es umso wichtiger, das Immunsystem der Tiere durch optimale Bedingungen zu stärken.
Antibiotische Behandlung:

  • Anwendung von Tetracyclinen und Makrolidantibiotika
  • frühzeitiger Behandlungsbeginn
  • ausreichend lange (mindestens 5 Tage) Verabreichung
  • ausreichend hohe Dosis
  • lange Wartezeiten sind einzuhalten (Erhöhung der wirtschaftlichen Verluste für den Betrieb, vor allem bei der Behandlung mehrerer Tiere)

Chlamydienimpfung:

  • kein für Rinder zugelassener Chlamydienimpfstoff in Deutschland
  • entweder Herstellung eines bestandsspezifischen Impfstoffs
  • oder Einsatz eines im europäischen Ausland bereits für  Rinder zugelassenen bzw. eines in Deutschland für Schafe oder Ziegen zugelassenen Impfstoffs (Ausnahmegenehmigung erforderlich)
  • therapeutische bzw. metaphylaktische Impfung (d.h. dann, wenn bereits eine Infektion im Bestand besteht und Symptome aufgetreten sind)
  • klinisch erkrankte Tiere dürfen nicht geimpft werden
  • Impfresultate unterschiedlich: in einigen Betrieben vollständige Zurückdrängung der Symptome, in anderen Ausbleiben eines Erfolges
  • Erfolg/ Misserfolg von Impfung und Behandlung maßgeblich beeinflusst von evtl. Beteiligung anderer Erreger
  • Impfung kann nur die klinischen Symptome verdrängen, aber weder Erregerausscheidung auf 0 reduzieren, noch 100% vor Ansteckung schützen

Die Impf-oder Therapieentscheidung ist abhängig von der individuellen Betriebssituation und kann nur durch den Hoftierarzt/-tierärztin erfolgen. Fragen zu Arzneimitteln und Therapieplan richten Sie bitte an Ihre(n) Hoftierärzt/-in!

Fazit

GummistiefelChlamydien sind nicht nur selbst Krankheitserreger sondern auch Wegbereiter für deutlich schwerere Infektionskrankheiten. Sie sind schwer festzustellen, da sie von der normalen Routinediagnostik nicht erfasst werden, dennoch sollten sie bei Erkrankungen diverser Organsysteme als Auslöser mitberücksichtigt werden. Da die antibiotische Therapie, aber auch die Impfung, nicht immer erfolgreich ist, ist die Optimierung von Hygiene, Haltung und Fütterung umso wichtiger.

 

Autorin: Tierärztin Esther von Lom

(Stand 03/2014)