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Streptococcus uberis: Der „Umwelterreger“

Streptococcus uberis

Streptococcus uberis

Oft dauert es einige Zeit, bis es Melkern oder Betriebsleitern auffällt:
Eine stetige Häufung von Mastitisfällen, die nicht immer mit einer Erhöhung der Zellzahl in der Anlieferungsmilch einhergeht. Die einzelnen Mastitiden haben nur selten einen schweren Verlauf.
Sc. uberis gehört zu den sogenannten Umwelterregern, mit denen sich die Kuh vornehmlich im Kontakt mit ihrer Stallumgebung oder auch auf feuchten Weiden infiziert.

Fragen und Antworten

Symptome: Welche Symptome weisen auf eine Sc. uberis- Infektion im Bestand hin ?

Es gibt keine Symptome, die wirklich eindeutig auf eine Sc. uberis Infektion schließen lassen, Hinweise sind:

  • Flocken sind Zeichen einer Mastitis

    Flocken sind Zeichen einer Mastitis

    gehäuftes Auftreten von akuten Mastitiden in der Herde

  • Euterentzündungen verlaufen nur sehr selten schwer, gelegentlich auch subklinisch (nur Zellzahlerhöhung, ohne weitere sichtbare Symptome)
  • oft schnelle Abheilung, aber häufig auch schnell wieder Rückfälle
  • am häufigsten betroffen: Kühe kurz nach dem Kalben oder bereits in der Trockenstehzeit, leicht melkende Kühe
  • häufiger betroffene Herden: Betriebe mit hoher Leistung
  • häufige Begleitumstände: vermehrtes Auftreten von Ketosen und /oder Labmagenverlagerungen, vermehrte Milchfiebererkrankungen, Absinken der Fruchtbarkeit (Anzeichen für Schwachstellen in der Fütterung)

Diagnose: Wie wird Sc. uberis nachgewiesen?

Wie bei allen Mastitiden gilt auch hier:

Eine sichere Diagnose ist nur durch die zytobakteriologische Untersuchung von Milchproben möglich.

  • Sc. uberis

    Sc. uberis

    Untersuchung von Viertelgemelksproben bei akuten Mastitiden

  • Probenuntersuchung von Tieren mit einem sprunghaften Zellzahlanstieg von einer Milchkontrolle zur nächsten (50.000-300.000 Z/ml)
  • Stichproben vor dem Trockenstellen und /oder: Beprobung nach der Kalbung
  • bei unklaren Zellzahlproblemen: Herdendiagnostik: Viertelgemelksproben aller laktierenden Kühe

Sanierung: Wie kann Sc. uberis in der Herde bekämpft werden?

Dieser Erreger wird nur selten von Tier zu Tier übertragen, sondern hauptsächlich aus der Umwelt aufgenommen. Außerdem werden schwerpunktmäßig Tiere mit einer geschwächten Abwehr befallen. Daher müssen sich die Maßnahmen auf Folgendes  konzentrieren:

1. Stallhygiene
2. Stallklima und Kuhkomfort
3. Fütterung
4. Melkhygiene
5. Abwehrsysteme der Tiere direkt verbessern
6. Trockenstellmanagement
7. Merzung chronisch kranker Tiere

1. Welche Punkte sollten bei der Stallhygiene besonders beachtet werden?

 

A. Boxenhygiene:
  • Erreger kommen ohnehin in organischer Einstreu vor, starke Vermehrung in feuchtem und verschmutztem Material
  • passende Abmessungen für ungehindertes Aufstehen und Ablegen (Vermeidung verlängerter Liegezeiten= Vermeidung von Kot- und Harnabsatz in der Liegebox)
  • ausreichende Polsterung der Liegefläche (s.o.)
  • gute Drainage der Liegefläche – erhöhte Infektionsgefahr bei Flüssigkeitsstau (saugfähiges Material, passende Neigung)
  • regelmäßiges und häufiges Nachstreuen
  • Beimengung von Kalk oder anderen Desinfektionsmitteln (muss für Liegeboxen während der Belegung geeignet sein!)
  • Sand als Einstreumaterial: Vorteil: anorganisch, keine Vorbelastung mit dem Erreger, Nachteil: nur bei geeigneter Gülle- und Melktechnik möglich
B. Abkalbebereich/ Tiefstreu:
  • Reinigung und Entmistung nach maximal fünf Abkalbungen, mindestens alle 14 Tage (genügend Abkalbeboxen einplanen! 4-6 pro 100 Abkalbungen)
  • ggf. auch Desinfektion
  • Entfernung von Nachgeburt u. frischem Kot nach jeder Kalbung
  • Problem des Ausgrätschens nach Entmisten der Abkalbebox: entweder Entmistung wenn in den nächsten Tagen nur Färsen kalben oder Auslegen mit Gummimatte
C. Laufflächen:
Ausreichend, saubere Einstreu

Ausreichend, saubere Einstreu

  • möglichst trocken, rutschfest und sauber (Klauen im  Liegen nah am Euter)

 

2. Welchen Einfluss hat das Stallklima auf die Verbreitung von Sc. uberis?
  • Ventilator

    Ventilatoren bringen Abkühlung im Stall

    gerade Kühe mit hoher Leistung erzeugen viel Wärme und Feuchtigkeit

  • möglichst kühle und trockene Umgebung schaffen ( optimale Temperatur für Kühe zwischen –7° und +17°C)
  • Futteraufnahme sinkt mit zunehmender Umgebungstemperatur immer weiter ab
  • feucht- warmes Klima fördert immer Bakterienwachstum (für gute Belüftung sorgen z.B. Ersatz von Wandelementen durch Netze)
  • Hitzestress im Sommer vermeiden (schwächt das Immunsystem) z.B. durch Ventilatoren, Nachtweide

 

3. Wie wird das Immunsystem durch die Fütterung beeinflusst?
  • Verschimmelte Futterreste auf dem Futtertisch

    Verschimmelte Futterreste auf dem Futtertisch

    Stoffwechselstörungen durch Fütterungsfehler (Milchfieber, Ketose, Azidose, Labmagenverlagerung u.a.), dadurch herabgesetzte Abwehrkräfte schon vor den ersten auffälligen Krankheitssymptomen

  • ermehrtes Auftreten von Mastitiden durch Umwelterreger: auf jeden Fall Fütterung überprüfen
  • Tierbeobachtung: Gesamteindruck, Pansenfüllung, Wiederkauen, Kotkonsistenz, Körperkondition
  • Probleme mit dem Futter selbst: Schimmel, Fehlgärungen, Nacherwärmung
  • Futtervorlage: sollte mind. 2x täglich, 4-6x täglich heranschieben (sonst herabgesetzte Futteraufnahme)
  • Futterzusammensetzung: Strukturmangel, nicht bedarfsgerechte Versorgung mit: Mineralstoffen, Vitaminen, Eiweiß, Energie u.a.
  • Futteraufnahme: Herabsetzung durch: Schmerzen beim Laufen (Klauen!), zu wenig Fressplätze, Vermusung, Nacherwärmung, mangelnde Schmackhaftigkeit oder frische Wasserversorgung: ausreichende Anzahl von Tränkebecken, gute Zugänglichkeit auch für rangniedere Tiere, ausreichend Tränkemöglichkeiten auf der Weide
 4. Was lässt sich an der Melkhygiene optimieren?
  • Dippen

    Dippen mit Barrieredippmitteln schützt vor Umweltkeimen

    Keine Übertragung über die Milch von Kuh zu Kuh, aber Eindringen von Erregern von Zitzenhaut und Melkerhänden in den offenen Strichkanal

  • Melken nur mit Gummihandschuhen (Erreger haften an der Haut wesentlich besser als an glatten Handschuhen)
  • gründliche Vorreinigung der Euter (Einmaleutertücher!)
  • Vordippen mit einem dafür zugelassenen Mittel (Erreger werden vor dem Melken von der Zitzenhaut entfernt- kein Eindringen beim Melkvorgang)
  • nach dem Melken: Einsatz eines Barrieredippmittels (bildet einen Film, verstärkt bis zur nächsten Melkzeit den Verschluss der Strichkanalöffnung- kein Eindringen von Umwelterregern in den Zwischenmelkzeiten)
  • Fixierung der Tiere im Fressgitter unmittelbar nach dem Melken (Strichkanal unmittelbar nach dem Melken noch völlig offen, schließt sich erst langsam wieder, Dippmittel kann trocknen)

 

5. Welche Möglichkeiten gibt es, die Abwehr der Tiere auch direkt zu verbessern?
  • direkter Einfluss auf die lokale Immunität ist möglich
  • keine intensive Züchtung auf Leichtmelkigkeit (langsamerer oder ungenügender Strichkanalverschluss, „Wo viel rauskommt, kommt auch viel rein“)
  • auf gute Zitzenkondition achten; Schleimhautausstülpungen, ausgefranste oder verhornte Zitzenspitzen :  Anzeichen für Melktechnikfehler; ausgetrocknete, rissige Zitzenhaut: evtl. fehlt pflegende Komponente im Zitzendesinfektionsmittel
  • Zitzenverletzungen: schnell reagieren, evtl. vorübergehendes Trockenstellen des betroffenen Viertels (nur wenn noch keine Entzündung vorliegt); mögliche Ursachen in der Haltung abstellen
6. Was muss beim Trockenstellen beachtet werden?
  • Schalmtest

    Schalmtest

    bei allen Tieren vor dem Trockenstellen: Schalmtest/ CMT

  • bei Tieren mit erhöhtem Zellgehalt: Untersuchung von Viertelgemelksproben
  • bei Erregernachweis: antibiotische Behandlung nach Resistenztest systemisch und lokal
  • anschließend antibiotisches Trockenstellen (Wirkstoff nach Resistenztest) und Einsatz eines internen Zitzenversieglers
  • bei unauffälligen Tieren mindestens Einsatz eines internen Zitzenversieglers
  • Euterkontrolle, einschl. Schalmtest  nach der Biestmilchphase

 

 

7.  Welche Tiere müssen den Bestand verlassen?
  • Erregerverbreitung und nachfolgende Neuerkrankungen durch jedes chronisch kranke Tier im Bestand
  • Festlegung betriebsspezifischer Selektionskriterien mit dem Hoftierarzt
  • Selektionskriterien z.B.: mehr als zwei klinische Mastitiden in einer Laktation, ausbleibender Behandlungserfolg  v.a. bei Therapie zum Trockenstellen
  • Wichtig: Überprüfung des Behandlungserfolges:
    + bei Behandlung zum Trockenstellen ohnehin nach der Biestmilchphase
    + bei Behandlung in der Laktation Zellzahlen kontrollieren, ggf. bakteriologische Kontrolluntersuchung ca. 30 Tage nach Behandlungsende

Therapie: Wie werden erkrankte Tiere behandelt?

Zunehmend machen Milchviehhalter die Erfahrung, dass sich Sc. uberis in der Laktation nur schwer bekämpfen lässt, daher sollte möglichst zum Trockenstellen behandelt werden:

A: Behandlung zum Zeitpunkt des Trockenstellens
  • nur wenn keine Anzeichen einer akuten Krankheit vorliegen, kann bis dahin gewartet werden
  • Milchprobenuntersuchung incl. Resistenztest (vor Behandlungsbeginn)
  • antibiotische Behandlung (lokal und systemisch)
  • antibiotisches Trockenstellen (Resistenztest) + interner Zitzenversiegler
B: Behandlung in der Laktation:
  • nur bei akuten Mastitiden
  • Milchprobenuntersuchung, einschließlich Resistentest (zu Behandlungsbeginn)
  • antibiotische Behandlung systemisch (Injektion) und lokal (intrazisternal)
  • nicht häufiger ausmelken (nach Untersuchungen von Prof.V. Krömker 2007 kein positiver Effekt, Roberson et al. 2003: schlechtere Heilungsraten)
Nur Kühe, die sich wohl fühlen, können optimale Leistungen bringen.

Nur Kühe, die sich wohl fühlen, können optimale Leistungen bringen.

Die Ansteckung mit Sc. uberis erfolgt in der Regel über die Umgebung der Kühe. Die Behandlung erkrankter Tiere ist oft unbefriedigend. Daher muss bei der Sanierung der Schwerpunkt in der Optimierung sämtlicher Faktoren in den Bereichen Hygiene/ Haltung  und Fütterung liegen.

 

Autorin: Esther von Lom
(Stand: April 2014)