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Rusterholzsche Sohlengeschwüre sind hausgemacht

Abb 1

Lahmende Tiere müssen umgehend im Klauenstand untersucht werden. Häufig findet man dann eine auffällige, zapfenförmige Veränderung im Kehlungsbereich an der hinteren Außenklaue. Dieses Rusterholzsche Sohlengeschwür (RSG) kann sehr gut durch rechtzeitige und korrekte Klauenpflege verhindert werden. Es heilt bei entsprechender Entlastung rasch aus. Allerdings kann bei fehlender / fehlerhafter Behandlung ein tiefgreifendes Rusterholzsches Sohlengeschwür entstehen, das nur noch durch schwerwiegende chirurgische Maßnahmen (z.B. Amputation) behandelbar ist.

Fragen und Antworten

Symptome: Wie sieht ein echtes Rusterholzsches Sohlengeschwür aus?

Rusterholzsches Sohlengeschwür
  • schleichendes Auftreten, zunehmende Lahmheit
  • letzte Klauenpflege liegt oft länger als 4 Monate zurück
  • typische Lokalisation: hintere Aussenklaue
  • selten: vordere Innenklaue
  • zapfenförmige Lederhautveränderung im Kehlungsbereich
  • „Steingalle“
  • beginnendes Rusterholzsches Sohlengeschwuer
  • blutunterlaufener „Fleck“ im Kehlungsbereich

Verlauf: Wie entsteht ein Rusterholzsches Sohlengeschwür?

Das knöcherne Klauenbein im Inneren des Hornschuhs hat am hinteren Ende einen leicht hervorstehenden Knochenfortsatz. An diesem sogenannten „Beugeknorren“ setzt die tiefe Beugesehne an. Bei jedem Schritt kommt diese Beugesehne zum Einsatz. Beim Auffußen entsteht ein erhöhter Druck zwischen Beugeknorren und dem Sohelnbereich unterhalb dieser Struktur. Die Natur hat hier das mächtige Ballenpolster mit einem dämpfenden Fettpolster versehen. Dies soll die hornbildende Lederhaut vor der erhöhten Druckbelastung schützen.

Beginnendes Rusterholzsches Sohlengeschwür; gut sichtbar ist der Beugeknorren mit der ansetzenden tiefen Beugesehne

Beginnendes Rusterholzsches Sohlengeschwür

Wird dieser Druck nicht durch regelmäßige, funktionelle Klauenpflege  „kontrolliert“, wird die Lederhaut gequetscht und verändert sich reaktiv. Sie nimmt an Umfang zu, die Hornproduktion an der „typischen“ Stelle wird schwer gestört. Es entsteht ein Öffnung in der Sohlenfläche, aus dem eine mehr oder weniger große, zapfenförmige Lederhautwucherung hervorragt.

Oft ist die Lederhaut auch in der Umgebung des Geschwürs entzündet und produziert kein Horn mehr, es entsteht eine doppelte Sohle.

Ursache: Die Hauptursache für Rusterholzsche Sohlengeschwüre ist fehlende oder fehlerhafte Klauenpflege

Betrachtet man Fußabdrücke von Hinterklauen eines Rindes auf weichem Boden, fällt auf, dass die Klauen unterschiedlich stark einsinken. Die hintere Außenklaue, die durch den schwankenden Gang eines Rindes etwas stärker belastet wird, sinkt auch etwas tiefer in nachgiebigen Boden ein. So wird die Innenklaue ebenfalls in die Belastung einbezogen, die Außenklaue kann dem stärkeren Druck ausweichen. Die gesamte Klaue erhält so bei jedem Schritt einen gleichmäßigen Abrieb, insbesondere die biomechanisch wichtige Kehlung wird herausgeschilfert. In diesem Kehlbereich wird das Hornausgedünnt, es wird elastisch. Somit kann der Hornschuh an dieser Stelle beweglich bleiben, bei Druck dehnt sich der Hornschuh hier zur Seite. Das Fettpolster wird also in seiner Höhe zusammengepresst, kann aber zu den Seiten hin ausweichen.

Abdruck auf der Weide

Abdruck auf der Weide

Auf hartem und planem Boden entfällt die Ausbildung der natürlichen Kehlung. Zudem wird die hintere Außenklaue durch den schwankenden Gang der Rinder verstärkt belastet. Die Hornbildung wird dadurch verstärkt. Damit wird diese Klauenhälfte höher und länger.

Damit wird der Ballenbereich übermäßigem Druck ausgesetzt. Deshalb ist regelmäßige funktionelle Klauenpflege extrem wichtig. Länge und Höhe müssen korrekt korrigiert werden. Wird zudem die Kehlung nicht alle 4 bis 6 Monate künstlich durch korrekte Klauenpflege nachgeschnitten, kommt es zu übermäßiger Druckbelastung.

Ungepflegte Klaue

Ungepflegte Klaue

So entsteht im Kehlbereich unter dem Beugeknorren  zuerst eine Lederhautreizung, Blut tritt aus und wird mit dem Hornabgeschoben („Steingalle“). Besteht der Druck weiter, nimmt die Lederhaut reaktiv an Umfang zu und bildet gleichzeitig kein Horn mehr.

Nahezu kreisförmig bildet sich ein „Loch“ in der Sohle, aus dem die Lederhaut herausragt.

Komplikationen: Was kann bei einem Rusterholzschen Sohlengeschwür noch geschehen?

  1. Wird ein Rusterholzsches Sohlengeschwür nicht umgehend entlastet, kann die zunächst nicht-infektiöse Entzündung fortschreiten. Sie breitet sich auch in der Umgebung aus, die Hornproduktion wird flaechig eingestellt, es entsteht eine doppelte Sohle.
  2. Wird ein Rusterholzsches Sohlengeschwür nicht umgehend entlastet, kann die Entzuendung fortschreiten. Sie setzt sich in tiefere Strukturen fort. Es wird der Ansatz der tiefen Beugesehne betroffen, der Beugeknorren wird regelrecht angefressen. Der Sehnenansatz bricht samt Knorren heraus, die Klauenspitze hebt sich, es entsteht eine Kippklaue.
    Unterminierte Sohle, Fistelkanal mit Sonde nachverfolgbar

    Unterminierte Sohle, Fistelkanal mit Sonde nachverfolgbar

  3. Wird ein Rusterholzsches Sohlengeschwür nicht umgehend entlastet, kann die Entzuendung fortschreiten. Keime dringen ueber die veraenderte Lederhaut in die Tiefe ein. Die Entzuendung schreitet fort und ueberschreitet alle Barrieren. Eine Kippklaue  entsteht. Das direkt darunter liegende Klauengelenk infiziert sich schwer, eine schwere bakterielle Arthritis folgt zwingend. Hier kann ein sogenannter „Fistelkanal“ in die Tiefe nachverfolgt werden.
  4. Wird ein Rusterholzsches Sohlengeschwür nicht umgehend entlastet, kann die Entzündung fortschreiten. Dringen Erreger ein, kann neben der Kippklaue und der Arthritis die Sehnenscheide aufsteigend erfasst werden – eine bakterielle Sehnenscheidenentzuendung zieht sich das Bein hinauf nach oben.
  5. Wird ein Rusterholzsches Sohlengeschwür nicht umgehend entlastet, kann die Entzuendung fortschreiten. Es kann neben der Kippklaue und der bakteriellen Gelenksentzuendung und Sehnenscheidenentzuendung eine lebensbedrohliche Blutvergiftung (Sepsis) nachfolgen.
  6. Eine gleichzeitig bestehende Klauenrehe kann eine Heilung, kann eine Erholung der entzuendeten Lederhaut verzoegern oder sogar verhindern.

Diagnose: Wie wird ein Rusterholzsches Sohlengeschwür diagnostiziert?

Die Diagnose muss am angehobenen Fuß gestellt werden. Im Klauenstand werden alle Klauen einer Klauenpflege unterzogen, um andere Lahmheitsursachen auszuschließen. Im Rahmen der Kehlung wird das Rusterholzsche Sohlengschwür sofort sichtbar. Der vorsichtige Einsatz einer Sonde zeigt rasch, ob ein Fistelkaanal in die Tiefe der Klauen zieht (siehe oben, Komplikationen)

Verwechslung: Welche anderen Krankheiten kann man damit verwechseln?

Grundsätzlich ist am angehobenen Fuß die Diagnose eindeutig zu stellen.
Die Tiefe der Entzündung bzw. Infektion wird bei der Untersuchung deutlich.

Als Lahmheitsursache kommen aber auch alle anderen Klauenkrankheiten  in Frage, deshalb sind alle Klauen zur Untersuchung einer Klauenpflege zu unterziehen, so kann die Diagnose eindeutig gestellt werden

Zunehmend erscheinen Rusterholzsche Sohlengeschwüre infiziert mit den Erregern der Mortellaroschen Krankheit. Derartig veränderte Rusterholzsche Sohlengeeschwüre bedürfen einer zusätzlichen, tierärztlichen Versorgung (s.u.).

Therapie: Wie wird ein krankes Tier behandelt?

  1. Geringgradiges Sohlengeschwür („Steingalle“)
    • keine oder geringgradige Lahmheit
    • fast kreisrunde, oft dunkelblau oder rötlich verfärbte Horndefekte
    • Therapie
      • funktionellen Klauenpflege (siehe dort) kann der Defekt problemlos ausheilen. Der Ballen der betroffenen Klaue (meist hintere Außenklaue) soll, wenn möglich, „niedriger“ geschnitten werden als der korrespondierende Ballen der Innenklaue
      • nie versuchen, den Fleck bis auf die Lederhaut herunter zu schneiden
  2. Mittelgradiges Klauensohlengeschwür
    • mittelgradige Lahmheit
    • keine Schwellung des Fußes
    • stiel- oder pilzförmig oder breiter „Ansatz“
    • doppelte Sohle. Um die Läsion herum ist das Horn unterminiert
    • kein Fistelkanal
    • Therapie
      • funktionelle Klauenpflege
      • DRUCKENTLASTUNG – Geschwür NIE wegschneiden
      • Ränder des umgebenden Hornes ausgedünnen
      • Ballen und die Sohle um das Geschwür stärker beschneiden als an der gesunden Klauenhälfte
      • Klotz auf die hoffentlich gesunde korrespondierende Klaue für längstens 3-4 Wochen (Alternative: Polsterverband)
      • bei Verletzungsgefahr Schutzverband anzubringen – kein Druckverband!
      •  Zink-Lebertran-Salbe, keine ätzenden Salben oder Flüssigkeiten, antibiotikahaltiges Spray nicht notwendig
    • Gleichzeitige Klauenrehe verzögert die Heilung.
      • Das Geschwür umschneiden, Kehlung ausschneiden, Ballenhöhe reduzieren (nur Außenklaue), Klotz kleben
  3. Hochgradiges Klauensohlengeschwür
    • hochgradiger Schmerz
    • schweren Lahmheit
    • Fuß ist geschwollen, die Haut blau-rot verfärbt
    • Fistelkanal in die Tiefe (s.o.).
    • Therapie
      • sofort den Tierarzt informieren
      • chirurgische Entfernung des infizierten Gewebes unter örtlicher Betäubung
      • Gelenksresektion / Amputation

Nutzen: Warum sollte man sofort (be-) handeln?

  1. Rusterholzsche Sohlengeschwüre heilen bei sofortiger Entlastung sehr gut aus (2 bis 3 Wochen)
  2. Bei Abwarten schreitet die Entzündung fort, tiefe Strukturen werden erfasst, Infektionen können entstehen (siehe oben, Komplikationen)
  3. Das Ballenfettpolster kann dauerhaft geschädigt werden, Rusterholzsche Sohlengeeschwüre tauchen immer wieder auf.
  4. Bei fortschreitender Entzündung muss chirurgisch vorgegangen werden (siehe oben, Therapie), eine Blutvergiftung kann lebensbedrohlich sein (siehe oben, Komplikationen)

Tipp: Was kann man vorbeugend tun?

  • Klauenrehe bekämpfen
  • regelmäßige, funktion
    Abb 7

    Tägliche Klauenpflege

    elle Klauenpflege alle 4 bis 6 Monate

  • erkrankte Tiere immer umgehend behandeln, um Komplikationen zu verhindern

 

Autorin: Dr. A. Fiedler
(Stand Juli 2014)