Beitrag Drucken

Rehe

1 Klauenrehe ist in Betriebn weit verbreitet_kleinDas Wort „Rehe“ stammt vom altniederdeutschen „hre“ ab, was soviel wie „steif“ bedeutet und den Gang der betroffenen Tiere beschreibt. Die sogenannte Klauenrehe ist die Folge einer Stoffwechsel- und Durchblutungsstörung der hornbildenden Lederhaut.

Es kommt  zu einer  Entzündung der Klauenlederhaut, wobei minderwertiges Horn gebildet wird und langfristige Schäden (Weiße LInie Defekt, Wand- und Sohlengeschwüre, Doppelte Sohle) entstehen können.

 

Fragen und Antworten

Symptome: Wie erkenne ich die eine Rehe?

Ein von Schmerz gekrümmter Rücken ist typisch.

Ein von Schmerz gekrümmter Rücken ist typisch.

Grundsätzlich haben Kühe mit Klauenrehe Schmerzen innerhalb des Hornschuhes und gehen deshalb vorsichtig bis schwer lahm, insbesondere auf harten Böden.

Es gibt verschiedene Formen der Klauenrehe:
(Per-, Sub-) Akute Klauenrehe (plötzlich auftretend, heftig verlaufend)
Die akute Klauenrehe entsteht häufig infolge einer starken Pansenübersäuerung (Pansenazidose). Diese kann durch eine plötzliche, erhöhte Zufuhr leicht verdaulicher Kohlenhydrate (Kraftfutter) hervorgerufen werden. Nicht selten löst sich der gesamte Hornschuh von der Lederhaut (Ausschuhen). Diese Form der Rehe ist eher selten geworden.

Doppelte Sohle

Doppelte Sohle

Subklinische Klauenrehe (tritt äußerlich nicht in Erscheinung)
Heutzutage fällt die Erkrankung in ihrer Anfangsphase selten auf (subklinische Klauenrehe). Die Tiere gehen klamm, oft ist die gesamte Herde leicht lahm – dies wird dann häufig nicht mehr als Lahmheit wahrgenommen.
Das Klauenbein und Klauensesambein sinken in diesen Fällen allmählich oder in mehreren kurzen Schüben im Hornschuh nach unten. Dabei kann sich die Spitze des Klauenbeines ein wenig in Richtung der Sohlenfläche neigen. Bleibt diese Form der Rehe unbemerkt und somit unbehandelt entwickelt sich die chronische Klauenrehe. Schwerere Lahmheiten entstehen vor allem durch Folgeschäden wie beispielsweise Bildung einer Doppelsohle, Weiße-Linie-Defekt oder Sohlengeschwüre.

Chronische Klauenrehe (langsam verlaufend)
4 Reheringe und konkave Wand_kleinNach einigen Monaten werden die Folgen einer Rehe in einer veränderten Form des Hornschuhes äußerlich sichtbar (chronische Klauenrehe). Die Dorsalwand der Klaue nimmt eine konkave Form an und die Wachstumsringe verlaufen nicht mehr parallel zueinander und zum Kronsaum, sondern in Richtung des Ballens (Reheringe).

Verlauf: Warum ist die Krankheit so schwer zu bekämpfen?

Die Klauenrehe (Laminitis) entsteht infolge einer Stoffwechsel- und Durchblutungsstörung der Lederhaut, die am häufigsten durch Überlastung der Klauen (unbequeme Liegeboxen; Überbelegung; harte Laufflächen; rutschige Laufflächen – mehr Schritte; lange Stehzeiten, v.a. im Vorwartebereich).

Wandgeschwür

Wandgeschwür

Im Zusammenwirken mit Fütterungsfehler (Fehlgärungen im Pansen) bedingt wird. Auch rund um den Geburtszeitpunkt verursachen Veränderungen im Stoffwechsel (Milchproduktion, Futterumstellung, negative Energiebilanz, Ketose(!) etc.), oftmals auch entzündliche Vorgänge in der Gebärmutter nachfolgend Durchblutungsstörungen in den Klauen. Ebenso können auch weitere entzündliche Vorgänge (Mastitis (!), Folgen einer Labmagenverlagerung, Pneumonie etc.) im Körper zu Klauenrehe führen.

Die Folgen werden an den Klauen innerhalb von Stunden (perakute Klauenrehe), Tagen (akute bis subakute Klauenrehe) oder Wochen (chronische Klauenrehe) sichtbar. Die subakute Rehe verläuft im Anfangsstadium meist symptomlos und bleibt daher zunächst unbemerkt (subklinische Klauenrehe).
Meist liegt also der auslösende Faktor für die Rehe schon einige Zeit zurück (Futterumstellung, Krankheit, Geburt etc.) oder ist ständig vorhanden (unbequeme Liegeboxen, rutschige Böden etc.). Somit wird die Reheursache meist nicht aktuell erkannt und kann nicht sofort abgestellt werden.
Auch bei „rechtzeitigem“ Eingreifen können Spätschäden wie doppelte Sohlen und Geschwüre noch mehrere Monate später auftreten, da das minderwertig gebildete Horn erst abgeschoben werden muss.

Diagnose: Wie wird die Diagnose gestellt?

Einblutungen-Steingalle

Einblutungen-Steingalle

Die gestörte Durchblutung der Lederhaut beeinträchtigt die Versorgung der hornbildenden Oberhaut mit Nährstoffen. Blutbestandteile wie Serum und Blutkörperchen gelangen aus den Blutgefäßen in das Sohlenhorn, wo sie später als gelbliches Horn oder als Einschlüsse (so genannte Einblutungen) im nachwachsenden Sohlenhorn sichtbar werden. Dies wird meist bei der routinemäßigen Klauenpflege am deutlichsten sichtbar, wenn die gesamte Herde frisch geschnitten wird.

Allerdings sind dann aktuell sichtbare Hornverfärbungen bereits schon wieder 5-8 Wochen „alt“, sie geben also einen Hinweis auf vergangene, aber auch auf noch bestehende Krankheitsgeschehen.

Zeigen nur einzelne Tiere Rehe-Erscheinungen, ist die Historie dieser Tiere zu überprüfen (Geburt, Ketose, Mastitis, Labmagenverlagerung etc.). Sind viele Tiere frisch betroffen, ist oftmals die Fütterung ausschlaggebend. Besteht die Rehe schon sehr lange und der Klauenpfleger hat immer wieder das gleiche Bild, sind es meist rutschige Böden, lange Standzeiten und unbequeme Liegeboxen / Überbelegung, die als Auslöser in Frage kommen. Oftmals sind es allerdings mehrere Faktoren gleichzeitig, die die Rehe auch verstärken können!

Therapie: Wie kann man die Krankheit am Tier bekämpfen?

Kühe mit akuter Klauenrehe müssen umgehend dem Tierarzt vorgestellt werden. Neben Pansensaftabhebern und Übertragen von Pansensaft gesunder Tiere, Schmerzmitteln, ggf. Infusionen etc. sind eine weiche Aufstallung, Polsterverbände und intensive Krankenpflege notwendig.

Polsterverband

Polsterverband

Wird die (subklinische) Rehe während der Klauenpflege diagnostiziert, wird eine korrekte Funktionelle Klauenpflege durchgeführt, um eine größtmögliche Stellungskorrektur und damit Entlastung der Gliedmaßen zu erreichen. Sind bereits Zusammenhangstrennungen entlang der weißen Linie, doppelte Sohlen und/ oder Wand- und Sohlengeschwüre entstanden, werden diese ebenfalls im Rahmen der Klauenpflege entlastet. Klötze, Polsterverbände und weitere Entlastungsmaßnahmen sind der jeweiligen Situation angemessen einzusetzen (Rusterholzsches Sohlengeschwür).
Kühe mit Anzeichen für eine chronische Klauenrehe benötigen häufiger eine funktionelle Klauenpflege. Dabei ist unbedingt zu beachten, dass die Sohle einer Reheklaue nicht zu dünn geschnitten wird. Ursächliche Erkrankungen sind zu bekämpfen und zukünftig zu vermeiden. Überbelastung muss verhindert werden.

Therapie: Wie kann man die Krankheitsauslöser bekämpfen?

Immer muss gleichzeitig mit der Behandlung muss den Ursachen nachgegangen werden (siehe Prophylaxe):
Ketose, Nachgeburtsverhalten, Gebärmutterentzündungen etc. müssen umgehend bekämpft werden und grundsätzlich auf Herdenniveau langfristig verhindert werden.

Bequeme Liegeboxen

Bequeme Liegeboxen

Die Ration sollte auf ihr Rohfaser-, Protein- und Kohlenhydratverhältnis kontrolliert werden. Das Fütterungsmanagement, die Futtermittelqualität und die Zugänglichkeit von Futterplätzen und/oder Wasserstellen sollte ebenfalls geprüft werden.
Folgende Situationen müssen abgestellt werden: Überbelegung, rutschige Böden, unbequeme Liegeboxen, lange Standzeiten im Vorwartebereich.
Grundsätzlich gelten alle plötzlichen Veränderungen und dauerhafte Umweltbelastungen (z.B. Hitzestress) als Risikofaktoren, denen sich die Kuh nicht entsprechend schnell anpassen kann.

Nutzen: Warum sollte ich sofort bei Klauenrehe handeln?

Rehe ist eine äußerst schmerzhafte Fußerkrankung, die die Leistung einzelner Tiere, aber auch der ganzen Herde beeinträchtigen kann.
Die Ursachen von Klauenrehe stellen auch für den gesamten Organismus eines Tieres große Probleme dar und müssen unbedingt erkannt und beseitigt werden.
Langzeitschäden durch Rehe sind unbedingt zu vermeiden:
Wenn es zu Veränderungen in der Klauenform gekommen ist (chronische Rehe), wird die Fortbewegung derart gestört, dass weitere Strukturen der Gliedmaßen (Sehnen, Schleimbeutel) durch die ständige Fehlbelastung Schaden nehmen können. Kühe, die eine Rehe überstanden haben, bleiben in aller Regel Problemtiere.

 

Autorin: Dr. Andrea Fiedler
(Stand August 2014)

Literatur
  1. Esslemont D. Improving dairy cow welfare. Vet Rec 168: 433-434 (2011).
  2. Fiedler A, Maierl J. Management der Klauengesundheit beim Rind. Verlag Th. Mann, Essen (2004).
  3. Greenough PR, Vermunt JJ. Evaluation of subclinical laminitis in a dairy herd and observations on associated nutritional and management factors. Vet Rec 128: 11-17 (1991).
  4. Hagen J, Mülling C. Klauenerkrankungen: Risiken und Prävention. Prakt Tierarzt 93 (Suppl.1): 11-18 (2012).
  5. MaierlJ,  Mülling C: Funktionelle Anatomie. In: Fiedler A, Maierl J, Nuss K (Hrsg) Erkrankungen der Klauen und Zehen des Rindes. Verlag Schattauer, Stuttgart, New York (2004).
  6. Manson F. Leaver JD. The influence of concentrate amount on locomotion and clinical lameness in dairy cattle. Anim Prod 47: 185-190 (1988).
  7. Mülling C, Hagen J. Bedeutung von Klauenerkrankungen und funktionelle Anataomie der Klaue. Prakt Tierarzt 93 (Suppl.1): 4-10 (2012).
  8. Telezhenko E, Bergsten C, Magnusson M, Nilsson C. Effect of different flooring systems on claw formation of dairy cows. J Dairy Sci 92: 2625-2633 (2009).
  9. Widauer S. Biomechanische Eigenschaften des Klauenbeinträgers bei Rindern mit unterscheidlicher Laktationszahl. München, LMU, Veterinärmed. Fakultät, Diss (2006).