Beitrag Drucken

Ein Abort kann der Anfang einer Serie sein

Abortkalb 7. MonatImmer wieder werden Kälberfeten während der Trächtigkeit abgestoßen. Häufig treten vereinzelt Aborte im Bestand auf. Wenn aber Erreger oder Toxine beteiligt sind, besteht immer die Gefahr, dass weitere Kühe verkalben. Deshalb ist es wichtig, eine Fehlgeburt bis zum Beweis des Gegenteils wie einen infektiösen Abort zu behandeln und untersuchen zu lassen. Was dabei zu beachten ist, erklärt der folgende Beitrag.

Fragen und Antworten

Symptome: Was ist ein Abort und was wird dabei beobachtet?

Definition:

Eine Fehlgeburt (=Abort) ist der Abbruch einer Trächtigkeit mit Ausstoßung eines unreifen, nicht lebensfähigen Fetus.

  • Abortmaterial

    Abortmaterial

    Embryo: Frucht bis zum 43. Trächtigkeitstag –> siehe Embryonaler Frühtod.

  • Fetus: Frucht ab dem 43.Trächtigkeitstag
  • Frühabort: bis zur 19. TrächtigkeitswocheSpätabort: in der zweiten Hälfte der Trächtigkeit.
  • Abortierende Kuh

    Abortierende Kuh

    Frühaborte bleiben wegen der geringen Größe häufig unbemerkt.

  • Je später in der Trächtigkeit der Abort auftritt, umso größer ist die Wahrscheinlichkeit, den Abort zu beobachten oder den abgestoßenen Fetus mit Fruchthüllen zu finden
  • Manchmal wird vor einer Fehlgeburt Fieber oder ein Milchleistungsrückgang bemerkt, das Verkalben kann aber auch ohne äußerlich erkennbare Anzeichen passieren.
Scheitel-Steiß-Länge (SSL) in cm
Embryonaler Frühtod (42. Trächtigkeitstag) bis ca. 4 cm
Frühabort (19. Trächtigkeitswoche) ca. 5 – 35 cm
Spätabort (2. Hälfte der Trächtigkeit) ca. 36 – 100 cm

Die Scheitel-Steiß-Länge, kurz SSL, ist die Länge eines Fetus in Zentimetern vom höchsten Punkt des Kopfes bis zum Steiß und erlaubt Rückschlüsse auf das Alter des abortierten Fetus, falls ein Besamungsdatum nicht vorhanden ist.
nach Richter/Götze 1993: Tiergeburtshilfe

Wie wird ein Abort ausgelöst?

  • Der Angriffspunkt für eine Abortauslösung ist die Plazenta (= Mutterkuchen).
  • Eine Plazentitis (= Entzündung des Mutterkuchens) kann zum Beispiel durch bakterielle Gifte (=Toxine) hervorgerufen werden und die Verbindung löst sich. Der Fetus wird nicht mehr mit Nährstoffen versorgt und kann absterben.
  • Erreger (z.B. BVD-Virus, Schmallenbergvirus, Listerien) können über die Plazenta in den Fetus eindringen, zu Missbildungen führen oder den Fetus abtöten.
  • Unfälle, wie zum Beispiel ein schwerer Sturz, können Blutungen und eine Auflösung der Plazenta hervorrufen.

Ursache: Welche Infektionserreger kommen in Frage?

Welche Ursachen gibt es?

Nicht- infektiöse Auslöser einer Fehlgeburt:

  • angeborene Missbildungen des Fetus (z.B. chromosomale Anomalien)
  • Vergiftungen (z.B. Mutterkornalkaloid Ergotamin oder Nitrat)
  • Verletzungen (z.B. Kopfstöße durch eine ranghöhere Kuh oder ein Sturz)
  • Stress (z.B. Klauenbehandlung)
  • Einsatz von Medikamenten (z.B. Prostaglandine, Xylacin oder Cortisonpräparate).

Die wichtigsten infektiösen Aborterreger sind in den folgenden Tabellen aufgeführt.

Bakterielle Aborterreger

Bakterielle Aborterreger

Virale Aborterreger

Virale Aborterreger

Weitere Aborterreger

Weitere Aborterreger

Faktoren: Warum verkalben manche Kühe und andere nicht?

Durch die systematische Bekämpfung der klassischen Abortauslöser wie der Brucellose oder der BHV-1- Infektion ist die Ursache für einen Abort heute schwieriger auf einen bestimmten Erreger zurückzuführen. Vielmehr hat sich das Abortgeschehen zu einer „Faktorenerkrankung“ entwickelt.

Das bedeutet, dass verschiedene Ursachen, so z.B. der Trächtigkeitszeitpunkt, die Stoffwechsel- und Hormonlage oder der Immunstatus des Muttertieres mit der Pathogenität eines Krankheitserregers zusammenspielt und einzelne Tiere unterschiedliche Krankheitsverläufe zeigen.

Zum Beispiel kann eine Infektion des Euters mit E. coli bei einer Kuh „nur“ eine Mastitis hervorrufen. Bei einer anderen Kuh mit einem geschwächten Immunsystem, die zudem vielleicht noch ein Schimmelnest in der Silage gefressen hat, kann eine Infektion des Euters mit den gleichen E. coli-Keimen hohes Fieber auslösen und eine Streuung der Erreger und seiner Toxine im Körper hervorrufen (Septikämie). Die durch die Schimmelpilze vorgeschädigte Plazenta entzündet sich durch die E.coli -Toxine, die Ernährung des Fetus wird gestört, er stirbt ab und wird abortiert.

Abortursachen im Überblick

Abortursachen im Überblick

Diagnose: Was geschieht im Labor?

Allein durch die äußere Betrachtung eines abgestoßenen Fetus ist noch keine Aussage über die Ursache möglich. In einem zugelassenen Labor wird das Abortmaterial histologisch untersucht, das heißt, es werden Gewebsschnitte von Plazenta, Gehirn und Herz angefertigt, angefärbt und unter dem Mikroskop untersucht.

Verschiedene Testmethoden werden zum Nachweis oder Ausschluss von infektiösen Aborterregern durchgeführt. Problematisch für die Diagnostik ist, dass nicht jeder Erreger auch infektiöse Spuren am Tatort hinterlässt. So bleiben circa ein Drittel der Laboruntersuchungen von Aborten ohne Erregernachweis. Eine Fehlgeburt kann sich auch erst mit zeitlicher Verzögerung ereignen, so dass der Erreger selbst nicht mehr im Gewebe nachweisbar ist, oder es werden mehrere Erreger gefunden. Bei der Auswertung der Laborergebnisse muss das Zusammenspiel der verschiedenen Ursachen berücksichtigt werden.

Praxistipp: Was ist bei einem Abort zu tun?

Deutschland ist seit 1999 anerkannt frei von Rinderbrucellose. Um diesen Zustand zu überprüfen und zu erhalten, schreibt die Brucellose-Verordnung vor, dass jeder Besitzer von über 24 Monate alten Rindern den Abort einer Kuh im letzten Drittel der Trächtigkeit umgehend auf Brucellose untersuchen lassen muss. Die meisten Abortfälle sind Einzelfälle, seuchenhafte Abortstürme, die mehr als 10 % der Kühe eines Bestandes betreffen, sind zum Glück selten geworden. Bis zum Beweis des Gegenteils sollte aber jede Fehlgeburt wie ein infektiöser Fall behandelt werden.

Das bedeutet:

  • Feten, Fruchtwasser, Nachgeburtsteile und Gebärmuttersekret nicht ohne Handschuhe/Schutzkleidung anfassen, denn sie können große Mengen an Keimen enthalten!
  • Tierarzt/-ärztin für die Untersuchung und Nachsorge der Kuh benachrichtigen.
  • Das Abortmaterial in ein sauberes, leicht zu desinfizierendes Behältnis (Wanne oder großer Müllbeutel) legen und geschlossen zum Labor bringen. Dafür sorgen, dass keine Flüssigkeiten austreten und die Umgebung (z.B. das Auto) verunreinigen.

Vorsicht: Brucellen, Chlamydien und Coxiellen (Q-Fieber) sind Zoonoseerreger und können auf den Menschen übertragen werden. Neben grippeähnlichen Symptomen können zudem bei schwangeren Frauen Früh-, Fehl- und Totgeburten die Folge sein.

  • Je mehr Abortmaterial ins Labor gebracht wird, desto größer sind die Chancen, einen Erreger nachzuweisen. Idealerweise sollte der uneröffnete Fetus, die frisch abgegangene Nachgeburt und eine Blutprobe des Muttertiers untersucht werden. (Falls nur noch Teile der Nachgeburt vorhanden sind, unbedingt Kotyledonen mitsenden!) Die Untersuchung einer zweiten Blutprobe nach 3 Wochen (Serumpaarprobe) kann weitere Informationen über eine ursächliche Erkrankung liefern.
  • Das Material sollte bis zum Transport möglichst kühl gelagert, aber nicht eingefroren werden.
  • Die Kuh in einen separaten Krankenstall bringen und den Stallbereich, in dem der Abort stattgefunden hat, gründlich reinigen und desinfizieren.
    Kommt es in einem kurzen Zeitraum zu einer Häufung von Aborten, ist zusätzlich zu den Laboruntersuchungen eine tierärztliche Bestandsuntersuchung mit Überprüfung von Fütterung, Mineralstoff- und Spurenelementversorgung der Kühe sowie des Managements im Rinderbetrieb anzuraten.

 

Autorin:Dr. med. vet. Christiane Zaspel, Tierärztin
(Stand September 2014)

Literatur:

  1. Vortrag AVA Haupttagung (2014): Axel Wehrend: „Aborterreger beim Rind- ein Update“
  2. Anderson, ML. (2007): „Infectious causes of bovine abortion during mid- to late-gestation“, Theriogenology Aug;68(3):474-86.
  3. BonDurant RH (2007): „Selected diseases and conditions associated with bovine conceptus loss in the first trimester“, Theriogenology Aug;68(3):461-73
  4. Fischer, I. et al. (2003): „Von der Bedeutung der bovinen Neosporose in der Schweiz“, Schweizer Archiv für Tierheilkunde, Volume 145, Number 3/March 2003
  5. Swissgenetics (Hrsg.): Hässig, M. (2000): „Der Rinderabort als Bestandesproblem.“ TORO 03/00, 22 – 23.
  6. Mazuz, ML et al. (2014): „Neosporosis in naturally infected pregnant dairy cattle, Veterinary Parasitology
  7. Raaperi, K. (2014): „Epidemiology and control of bovine herpesvirus 1 infection in Europe“, Veterinary Journal
  8. Hässig, M., Lubsen, J. (1998): „Relationship between abortions and seroprevalences to selected infectious agents in dairy cows“, Zentralblatt für Veterinärmedizin
  9. Bostedt, H. (2006): Fruchtbarkeitsmanagement beim Rind
  10. Richter/Götze (1993): Tiergeburtshilfe