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Berufskrankheit Labmagenverlagerung

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Labmagenverlagerungen verursachen wirtschaftliche Verluste durch Behandlungskosten, vorzeitigen Abgang und Produktionsausfälle. Die Häufigkeit des Auftretens wird mit 2-8% angegeben, kann in bestimmten Herden allerdings auch auf bis zu 20% ansteigen. Hauptsächlich tritt diese Erkrankung in den ersten 3-4 Wochen nach dem Kalben auf, oftmals ist sie mit anderen Erkrankungen, die häufig im Abkalbezeitraum auftreten, vergesellschaftet.

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Fragen und Antworten

Was ist eine Labmagenverlagerung?

Die normale Position des Labmagens befindet sich im unteren, rechten Teil der Bauchhöhle vor dem Nabel, dort ist er nur locker befestigt. Bei einer linksseitigen Labmagenverlagerung schiebt er sich zwischen die linke Bauchwand und den Pansen. Bei hochgradiger Aufgasung kann er dabei bis unter die Querfortsätze der Lendenwirbelsäule reichen. Bei der rechtsseitigen Labmagenverlagerung schiebt er sich entlang der rechten Bauchwand nach oben und drängt dabei Leber und Dünndarm von der Bauchwand ab. Häufig kommt es dabei auch zu einer Drehung von Labmagen und Blättermagen, wodurch Blutgefäße und Magenabfluss abgeschnürt werden können, was einen dramatischen Krankheitsverlauf mit schneller Verschlechterung des Allgemeinzustandes bedingen kann. Die Verlagerung nach links ist mit einer Wahrscheinlichkeit von 85-96% wesentlich höher als die rechtsseitige Variante. Labmagenverlagerungen treten hauptsächlich bei Kühen der intensiv genutzten Milchrassen im Abkalbezeitraum auf (80% innerhalb des ersten Monats nach dem Abkalben), sind allerdings auch schon bei Kälbern ab ca. der 3. Lebenswoche sowohl bei männlichen als auch weiblichen Tieren möglich.

Beispiele für die Ursachen von Labmagenverlagerungen

  • zu geringe Pansenfüllung: Vor allem nach der Kalbung ist der Labmagen sehr beweglich, da er während der Trächtigkeit durch das heranwachsende Kalb verschoben wurde. Bei einer zu geringen Füllung, z.B. unzureichende Strukturversorgung oder durch verminderte Futteraufnahme bei einer Ketose oder Milchfieber,  kann der Pansen dem Labmagen nur wenig Widerstand bieten.
  • Begleiterkrankungen wie Gebärmutterentzündungen bzw. Nachgeburtsverhaltungen, Klauenerkrankungen oder Stoffwechselerkrankungen (z.B. Ketose, Hypokalzämie) führen zu einer Hemmung der Labmagenmotorik. Es kommt zu einer Gasansammlung im Labmagen, da die Muskulatur erschlafft.
  • Kraftfutter: Bei Rationen mit einem hohen Anteil an Konzentratfutter und niedrigem Strukturgehalt kann es ebenso zu einer Hemmung der Labmagenmotorik durch zur Zeit noch nicht genau definierten Mechanismen kommen
  • Genetische Faktoren: insbesondere bei großrahmigen Kühen, die eine Veranlagung für eine hohe Milchleistung aufweisen, scheint die Häufigkeit für Labmagenverlagerungen erhöht zu sein. Für die tatsächliche Auslösung einer Verlagerung sind wohl aber eher Umwelt- bzw. Managementeinflüsse maßgeblich.

Woran kann man eine Labmagenverlagerung erkennen?

Durch die Blähung und Verlagerung des Labmagens werden Druck- und Zugkräfte auf andere Bauchhöhlenorgane ausgeübt, diese bereiten dem Tier Schmerzen. Daraus ergeben sich die folgenden Symptome:

Untersuchung mit Abhorchen und Abklopfen zur Diagnose einer linksseitigen Labmagenverlagerung

Untersuchung mit Abhorchen und Abklopfen zur Diagnose einer
linksseitigen Labmagenverlagerung

  • die Kuh frisst schlecht, bzw. wechselhaft (mal mehr mal weniger, je nach Verlagerung und Dehnung, sie frisst eher Strukturfutter als Kraftfutter)
  • die Milchleistung ist nicht so hoch wie erwartet bzw. rückläufig
  • die Kuh verliert an Gewicht
  • die Kotmenge nimmt ab, er weist eine schmierige, dunkle Konsistenz auf

Weiterhin können im Vorfeld oftmals andere Erkrankungen, z.B. Milchfieber oder Nachgeburtsverhaltung beobachtet werden.

Bei Verdacht auf eine Verlagerung kann beim Abhorchen der rippengestützten Bauchwand  ein typisches, metallisches Klingeln (Steelband-Effekt „Ping“, insbesondere beim Abhorchen mit Abklopfen der Bauchwand) gehört werden. Dies tritt meist bei akuten Verlagerungen auf. In chronischen Fällen sind diese Anzeichen oftmals nicht mehr so eindeutig, da der Labmagen dann weniger mit Gas und Flüssigkeit gefüllt ist.

Welche Behandlungsmethoden gibt es?

Bevor man sich für die eine oder andere Therapieform entscheidet, sollte man sich über die Prognose (Einschätzung des voraussichtlichen Verlaufs) und die Wirtschaftlichkeit klar werden.

Untersuchungen haben ergeben, dass es vor allem darauf ankommt, rasch zu handeln, um weitere Folgeschäden zu verhindern oder zu minimieren und so die Wirtschaftlichkeit zu erhalten. Bei einer rechtsseitigen Labmagenverlagerung kann ein Laborwert, der Laktatgehalt im Blut, als Indikator hinzugezogen werden: Laktatwerte unter 2 mmol/l verheißen einen positiven Ausgang nach der Operation, Werte zwischen 2 und 6 mmol/l bedeuten schon ein gewisses Risiko und Werte über 6 mmol/l weisen auf ein hohes Risiko eines negativen Ausgangs der Therapie hin.

Auch Begleiterkrankungen spielen eine große Rolle. Beispielsweise ergeben sich besonderes ungünstige Prognosen bei schweren Leberschäden, Labmagengeschwüren (hochgradiger Blutverlust, schwarzer Kot) oder starken Lahmheiten (hochgradige Klauenerkrankungen).

Therapieformen bei linksseitiger Labmagenverlagerung

Zurückverlagerung durch Wälzen und Bauchmassage

Der Labmagen wird durch die Gasansammlung nach oben gezogen. Wird die Kuh niedergeschnürt kann sie sozusagen unter dem Labmagen durchgewälzt werden. Ist die Kuh abgelegt, wird sie mehrmals von der halbrechten Seite auf die halblinke Seite gewälzt, wobei mit den Fäusten vom Rücken des Tieres aus zum unteren Bauch hin der Bauch in Schwingungen versetzt wird. Durch Abhorchen mit Abklopfen kann das Zurückgleiten des Labmagens kontrolliert werden.

Anschließend gibt es verschiedene Möglichkeiten:
  •  keine weiteren Maßnahmen außer Anbinden der rechten Hintergliedmaße (Kuh darf sich nur auf die linke Seite legen, schwierig bei Laufstallkühen), hier bei ist aber die Gefahr des Wiederauftretens (Rezidiv) recht hoch, da der Labmagen nicht fixiert wurde.
  • Fixation des Labmagens mit gebogener Nadel und Faden oder mittels Trokar und „Toggle pin“
    • Vorteile:
      die Bauchhöhle wird nur minimal eröffnet (durch das Einstechen der Nadel oder des Trokars) und man kommt oftmals ohne Antibiotika und ohne großen instrumentellen Aufwand aus.
    • Nachteile:
      durch das nahezu blinde Fixieren des Labmagens entstehen viele Risiken wie beispielsweise das Anstechen bzw. Einbeziehen anderer Darmteile, Stichkanalinfektionen, Bauchfellentzündung, Nichterfassen des Labmagens oder Fixation in der Nähe des Labmagenausgangs ohne vollständige Zurückverlagerung.

Bei der endoskopischen Behandlungsform wird unter Sichtkontrolle gearbeitet.

Zurückverlagerung  und Fixierung unter endoskopischer Kontrolle, nach Janowitz (mit Wälzen) oder nach Christiansen (alles am stehenden Tier)

  • Vorteile:
    Die Nachteile der vorherigen Methoden treten nicht auf, da mittels des Endoskops unter Sichtkontrolle gearbeitet wird. Wundinfektionen sind selten, meist kann auf Antibiotika verzichtet werden.
  • Nachteile:
    Verwachsungen durch entzündliche Prozesse können erkannt werden, allerdings nur durch eine größere Operation (größere Öffnung der Bauchhöhle) behoben werden. Ultraschalluntersuchungen haben ergeben, dass nach ca. einem Jahr nur noch bei 43% der untersuchten Kühe die gewünschten Verklebungen von Labmagen und Bauchfell bei den Fixationen mit Endoskop gegeben zu sein schienen. Eine erneute Verlagerung in der auf die Operation folgende Laktation könnte also grundsätzlich möglich sein. Dies wurde aber weitaus weniger als erwartet beobachtet.

Bei allen Therapieformen, bei denen ein Wälzen des Tieres notwendig ist, muss beachtet werden, dass sie bei hochträchtigen Tieren aufgrund der Gefahr einer Gebärmutterverdrehung nicht angewendet werden sollten.

Operationen am stehenden Tier mit  vollständiger Öffnung der Bauchhöhle (bei linksseitiger und rechtsseitiger Labmagenverlagerung):

  • „Utrechter Methode“: auf der linken Seite, Fixation des großen Netzes (Labmagenhalteband) an der unteren Bauchwand (Nabelregion).
  • „Hannoversche Methode“: auf der rechten Seite, Fixation des großen Netzes in Höhe der rechten Kniefalte.

Vorteile:
Durch die gute Sicht ist ein vollständiges Abgasen und eine sichere Rückverlagerung und Fixation des Labmagens möglich. Verwachsungen können gelöst werden (insbesondere bei schon länger bestehenden Verlagerungen oftmals vorhanden), bei rechtsseitiger Verlagerung kann eine Verdrehung gelöst werden und der Zustand des Labmagens beurteilt werden.

Nachteile:
Antibiotikagabe notwendig, Tiere benötigen geringfügig mehr Zeit, um zu ihrer alten Leistung zurückzufinden.

Je nach Zustand des jeweiligen Tieres ist eine zusätzliche Infusionsbehandlung notwendig, um Veränderungen im Säure-Basen-Haushalt und Energiestoffwechsel zu behandeln.

Welche Vorbeugemaßnahmen gibt es?

  • Pansenfüllung sicherstellen: qualitativ hochwertiges, energiereiches, schmackhaftes Futter mit ausreichend Struktur (kein verpilztes, nacherwärmtes Futter) sowohl vor als auch nach der Kalbung
  • Ausreichende Wasserversorgung (unmittelbar nach dem Abkalben trinken die Kühe mehr als 50 l Wasser)

Nimmt die Kuh nicht von allein genügend Wasser auf, sollte sie gedrencht werden.

  • Energiedefizit nach der Kalbung überwachen (Ketosemonitoring) und gegebenenfalls behandeln (z.B. Propylenglykol)
  • Tierartgerechte Haltung:  ausreichend Platz, Sauberkeit, Kuhkomfort, kein Hitzestress
  • Prophylaxe und schnelle Behandlung anderer Krankheiten (insbesondere Milchfieber, Klauen und Euter)
  • Schwergeburten vermeiden (sinnvolle Bullenanpaarung, angemessene Geburtsüberwachung und-hilfe)

Autorin: Dr. med. vet. Katharina Traulsen, Tierärztin
(Stand November 2014)

Literatur:

  1. J. von Freital Rekonvaleszenz und Verbleib von Kühen nach Behebung der linksseitigen Labmagenverlagerung mittels perkutaner Abomasopexie nach GRYMER und STERNER im Vergleich zur Omentopexie nach DIRKSEN. Tierärztliche Hochschule Hannover, Dissertation (2003)
  2. R. Kötter Feldstudie zur Behandlung von Kühen mit linksseitiger
    Labmagenverlagerung mittels laparoskopischer
    Abomasopexie nach JANOWITZ. Tierärztliche Hochschule Hannover, Dissertation (2005)
  3. M. Sickinger, A. Al-Bayati, K. Doll Entwicklung der abomaso-peritonealen Adhäsionen nach laparoskopischer Abomasopexie. DVG Vet-Congress, Berlin, Nov. (2013).
  4. Boulay G1, Francoz D2, Doré E2, Dufour S3, Veillette M2, Badillo M2, Bélanger AM2, Buczinski S2 Preoperative cow-side lactatemia measurement predicts negative outcome in Holstein dairy cattle with right abomasal disorders. J Dairy Sci. Jan;97(1):212-21 (2014).