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Fresh Cow Monitoring: die Frischabkalber im Blick

DSC08451_tischer94Unter Fresh Cow Monitoring versteht man die systematische Überwachung der Kühe und Färsen in den ersten 10 Tagen nach der Kalbung. Entscheidend ist nicht nur, die Tiere ein- bis zweimal täglich zu beobachten, Anzeichen von Erkrankungen zu erkennen und frühzeitig zu behandeln, sondern diese auch zu dokumentieren. So kann man über einen längeren Zeitraum Problembereiche erkennen und in Zusammenarbeit mit dem/der betreuenden Tierarzt/-ärztin steuernd eingreifen. Längerfristiges Ziel ist es, auf diese Weise Krankheiten, die lange vor oder während des Kalbens entstehen, in Zukunft frühzeitig zu verhindern.

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Fragen und Antworten

Wann ist eine Kuh im „grünen Bereich“?

Eine gesunde „Fresh Cow“ zeigt sich aufmerksam, reagiert mit aktiven Kopfbewegungen auf ihre Umwelt und geht bei frischer Futtervorlage unverzüglich zum Futtertisch. Ihre Körpertemperatur liegt zwischen 38,5°C und 39,0°C (39,5°C). Sie hat einen wachen Blick und ein sauberes, glänzendes Flotzmaul. Zum Futtertisch, Tränkebecken oder Melkstand geht sie mit geradem Rücken. Sie frisst mit Appetit und die Hungergrube füllt sich kontinuierlich nach der Kalbung. Nach 10 Tagen sollte die Hautfalte vor dem Hüftbeinhöcker, die das sogenannte „Warndreieck“ über der Hungergrube begrenzt, nicht mehr zu sehen sein. Sie hat eine Wiederkauaktivität mit 55 – 75 Schlägen pro Bissen. Die Hinterhand ist sauber mit glänzendem, unbeschädigtem Fell. Der Scheidenausfluss geht von blutig zu klarem dunklen braun über. Sie hat ein sauberes, symmetrisch gefülltes Euter, ein gegebenenfalls vorhandenes Euterödem verschwindet in den ersten Tagen.

Die Kuh am nächsten Tag wieder kontrollieren.

Bei welchem Verhalten braucht eine Frischlaktierende eine besondere Betreuung?

Wenn sie zum Beispiel eine oder mehrere der folgenden Verhaltensweisen zeigt: Sie reagiert auf Futtervorlage erst nach Aufforderung. Möglicherweise kleben Futterreste am Flotzmaul und der Blick ist eingetrübt. Eine Temperatur zwischen 38°C und 38,4°C könnte für eine Stoffwechselerkrankung wie Hypokalzämie (Milchfieber), Pansenazidose, Ketose oder Labmagenverlagerung sprechen. Bei einem Bereich von 39°C – 39,5°C sollte die Temperatur nach 12 h erneut gemessen werden. Wahrscheinlich ist das Immunsystem geschwächt und eine Infektion der Gebärmutter, des Euters oder der Lunge kann sich ankündigen. Die dreieckförmige Hungergrube bleibt bestehen, am Maul können Speichelfäden zu beobachten sein und der Kot ist dünn und breiig oder fest und trocken. Die Nachgeburt blieb länger als 8 h nach der Geburt hängen, der Scheidenausfluss wird trüb mit eitrigen Anteilen. Am Euter sind asymmetrische Euterviertel zu erkennen, im Sekret können vereinzelt Flocken auffallen.

Veränderungen notieren, gelber Strich auf das Becken der Kuh. Je nach Einzelfall Tierarzt/-ärztin rufen oder den Therapieplan nach schriftlicher Vereinbarung mit dem/der bestandsbetreuenden Tierarzt/-ärztin durchführen. Nach 12h wieder kontrollieren. 

 

Wann ist eine Kuh schwer krank und muss unverzüglich behandelt werden?

„Alarmstufe rot“ besteht bei Kühen, die eine oder mehrere der folgenden Symptome aufweisen:
Die Frischmelkende steht nur mit Mühe auf und geht unwillig zum Futtertisch. Eingesunkene, matte Augen deuten auf Fieber oder Schmerzen hin, wahrscheinlich hat sie zu wenig Wasser gesoffen. Bei einer Rektaltemperatur von weniger als 38°C ist es wahrscheinlich, dass die Kuh beim Laufen stark schwankt oder nicht mehr aufstehen kann (Gebärparese). Kam es bei der Geburt zu einer Nervenquetschung?

Eine Temperatur über 39,5°C bedeutet Fieber. Es muss geklärt werden, ob eine Entzündung im Euter, der Gebärmutter oder der Scheide vorliegt. Ein weggehaltener Schwanz weist auf Schmerzen in den Geburtswegen hin, übelriechender Scheidenausfluss hängt an Schwanz und Sitzbeinhöckern. Wurde vor dem Trockenstellen eine Klauenkorrektur durchgeführt? Der Pansen ist leer, der Bauch aufgezogen. Die Kuh hat Durchfall wie Wasser oder harte Kotballen. Das Euter ist hart, geschwollen, asymmetrisch und schmerzhaft mit verändertem Milchsekret.

Spätestens jetzt Tierarzt/-ärztin rufen oder den Therapieplan nach schriftlicher Vereinbarung mit dem/der bestandsbetreuenden Tierarzt/-ärztin durchführen. Roter Strich auf das Becken der Kuh und in den Krankenstall bringen. Dokumentation der Befunde und der Behandlung, Maßnahmen in den nächsten Tagen auf Erfolg überprüfen.

 

 

Beispiel für die Dokumentation von Erkrankungen bei Frischabkalbern über 10 Tage

Beispiel für die Dokumentation von Erkrankungen bei Frischabkalbern über 10 Tage

Arbeitsanleitung: Beobachtung der Frischabkalber

  • Herdenprogramm:
    • Kühe notieren, die in den letzten 10 Tagen gekalbt haben
  • Material:
    • Fieberthermometer
    • Notitzblock oder Tablet/ Smartphone zur Dokumentation
    • Buntes Fesselband
    • Bunte Markierstifte (gelb und rot)

  • Täglich einen festen Termin für die Frischabkalber einrichten
  • Alle „Fresh Cows“ mindestens einmal täglich in den ersten 10 Tagen nach dem Kalben im Fressgitter beurteilen.
  • Beim Einfangen oder Hintreiben der Tiere zum Fressgitter bereits auf das Aufstehverhalten und den Gang achten.
  • Ein extra Stallabteil für Frischabkalber erleichtert die Arbeitsorganisation oder sie werden zum schnelleren Auffinden mit farblichen Fußbändern markiert.

futtertisch

hinten

  • Soll eine Kuh am Abend oder am anderen Morgen erneut kontrolliert werden: gelber Strich aufs Becken
  • Bei schwerer Erkrankung: roter Strich aufs Becken, unverzügliche Behandlung im Krankenstall
  • Nach 10 Tagen die aufgetretenen Krankheiten ins Herdenprogramm übertragen, z.B.: Gebärmutterentzündung, Euterentzündung, Labmagenverlagerung
  • Auswertung der monatlichen Erkrankungsraten mit dem/der betreuenden Tierarzt/-ärztin analysieren.
  • Bei Häufung von bestimmten Krankheiten in einem Monat: Ursachenfindung, Therapieplananpassung und Ergreifung von Maßnahmen zur Verhinderung der Krankheitshäufigkeit für die nächsten kalbenden Kühe oder Färsen.

 

Autorin: Dr. med. vet. Christiane Zaspel 
(Stand Dezember 2014)

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