Beitrag Drucken

Weideektoparasiten: Gefahr im Anflug!

Fliegende Weideektoparasiten: Plage und Bedrohung für Rinderherden

Weidegang hat viele positive Effekte auf das Rind. Fliegen, Bremsen und Mücken auf der Weide können diese positive Effekte allerdings auch verringern.

Culicoides.C.obsoletus.pulicaris

Die Gnitze ist dämmerungsaktiv. Sie überträgt das Blauzungen- und das Schmallenbergvirus Bildquelle: Institut für Parasitologie und Tropenveterinärmedizin, Freie Universität Berlin

Denn ihre Anwesenheit ist unangenehm und die Rinder fühlen sich gestört bzw. verbringen viel Zeit damit, diese Lästlinge abzuwehren. Leistungseinbußen sind das Resultat. Bei schwerem Fliegenbefall können Milchproduktion und Lebendmassezunahme bis zu einem Drittel zurückgehen. Aber nicht nur lästig sind diese Weideinsekten: Sie können auch gefährliche Krankheiten übertragen.

Wie übertragen Insekten Krankheiten?

Insektenrepellent

Weidefliegen sind lästig und übertragen Krankheiten. Im Sommer sollten Rinder mit einem Insektenrepellent behandelt werden. Bildquelle: swissgenetics

Es gibt zwei Arten, wie Insekten als Vektor, als Krankheitsüberträger, funktionieren:

  • Bei der mechanischen Krankheitsübertragung verschleppt der Vektor den Krankheitserreger von einem Tier zum nächsten. Der Erreger befindet sich außerhalb des Vektors und wird durch Kontakt übertragen. Bei der mechanischen Übertragung kann ein Vektor alle möglichen Krankheitserreger übertragen, es besteht kein spezielles Verhältnis zwischen Vektor und Krankheitserreger. Ein Beispiel für die mechanische Übertragung ist die Holsteinische Euterseuche.
  • Bei der biologischen Übertragung nimmt der Vektor den Erreger in sich auf und der Erreger vermehrt sich im Vektor. Es besteht ein spezielles Verhältnis zwischen Vektor und Erreger. Deshalb kann der Vektor nur die für ihn spezifischen Erreger übertragen. Dies ist zum Beispiel beim Blauzungenvirus und der Gnitze der Fall.

Als spezielle Krankheitsüberträger sind Fliegen und Mücken besonders gefürchtet. Einige typische Weideerkrankungen sind mit bestimmten Insekten assoziiert.

Typische Erkrankungen, die durch Fluginsekten auf der Weide verursacht werden

  1. Die Holsteinische Euterseuche

    Weidefliegen (Hydrotaea spp. – Kopf- und Euterfliegen) übertragen Mastitiserreger von Rind zu Rind. Einer der meist gefürchteten Erreger ist Trueperella pyogenes (bis vor kurzem noch unter dem Namen Actinomyces pyogenes geführt.) Eine Infektion mit diesem Erreger führt zur Holsteinischen Euterseuche oder Pyogenesmastitis. Häufig sind Färsen und trockenstehende Tiere betroffen. Erfolgt die Therapie nicht direkt am Anfang der Erkrankung, kann Eutergewebe zerstört werden, und die Bakterien können sich auch in anderen Körperregionen ansiedeln. In Stresssituation brechen diese Erregerherde auf, und eine Blutvergiftung ist die Folge. Um diese gefährliche Eutererkrankung zu vermeiden, ist eine Fliegenprophylaxe mit Insektiziden bei Weidetieren ebenso unerlässlich wie eine regelmäßige Euterkontrolle der Risikotiere.

  2. Infektiöse Bovine Keratokonjunktivitis (IBK)

    Im Sommer beobachten Landwirte häufiger Jungtiere mit geröteten Augen, Augenausfluss und sogar getrübtem Auge auf der Weide. Diese Erkrankung, die Infektiöse Bovine Keratokonjunktivis (IBK), geht auch auf das Konto einer Weidefliege, der Musca autumnalis, die Augen- oder Gesichtsfliege. Sie ist der Überträger des Erregers Moraxella bovis. In unbehandelten Fällen kann diese Erkrankung zur Erblindung der Tiere führen. Das bedeutet ein großes Tierleiden und einen großen wirtschaftlichen Verlust. Viele Tierhalter wissen nicht, dass es sich bei dieser Augenerkrankung nicht um eine Einzeltiererkrankung handelt. Behandelt man die ersten Augenerkrankungen nicht sofort, kann sich der Erreger schnell in der Herde verbreiten und nach zwei Wochen ist schon die Hälfte der Tiere erkrankt. Auch hier ist vorbeugend lediglich ein lückenloser Fliegenschutz mit Insektiziden hilfreich. Weiden mit dem schlimmsten Fliegenbefall sind zu vermeiden.

  3. Dasselfliegenbefall – Hypodermose

    Erreger der Hyperdermose des Rindes sind die kleine und große Dasselfliege. Diese Fliege ähnelt der Hummel. Beim Anflug der Dasselfliege geraten die Rinder durch das laute Brummen in Panik und flüchten („biesen“). Die Dasselfliegen legen ihre Eier hauptsächlich an den Rinderbeinen und am Unterbauch ab. Die sich daraus entwickelnden Larven dringen dann in den Tierkörper ein und wandern auf unterschiedlichen Wegen durch den Tierkörper. Die Larven der großen Dasselfliege befinden sich während der Wintermonate im Wirbelkanal der Rinder, bevor sie sich in der Rückenhaut festsetzen, wo sie die Dasselbeulen bilden. Die Larve der kleinen Dasselfliege wählen den Weg durch die Speiseröhre und bilden auch dann die Dasselbeulen in der Unterhaut.  Die Hypodermose wurde lange Zeit in Deutschland staatlich bekämpft und kommt deshalb nur noch sporadisch vor. Eine Einschleppung durch Importrinder ist jederzeit möglich. Die Dasselfliege auf der Weide kann nicht ausreichend bekämpft werden, es werden deshalb die Larven im Tierlörper abgetötet. Falls Larven auftreten sollten, werden sie durch die übliche Aufstallungsbehandlung gegen Würmer mit Antiparasitika abgetötet. Wichtig ist hierbei die Regel, dass auch wegen der Dassellarven die Rinder nicht zwischen Dezember und März behandelt werden, da sich dann die Larven im Wirbelkanal aufhalten.

  4. Die Blauzungenkrankheit

    Diese Infektionskrankheit wird durch das Blauzungenvirus hervorgerufen, übertragen wird das Virus von Tier zu Tier von einer kleinen blutsaugende Stechmücke, der Gnitze. Gnitzen fallen hauptsächlich im Freien zu Dämmerungszeiten sowie in der Nacht Wiederkäuer an. Beim Saugakt nimmt die Gnitze mit Viren verseuchtes Blut auf, das Virus vermehrt sich in der Gnitze und wird beim nächsten Stechakt auf ein neues Tier übertragen. Gnitzen sind sehr wahrscheinlich das gesamte Jahr über als Vektor aktiv, wobei sie am aktivsten in den warmen Sommermonaten sind. Die Gnitze kann das Virus über weite Strecken transportieren. Die deutsche Tierseuchenbehörde, das Friedrich-Loeffler-Institut (FLI), hat für den Sommer 2016 mit hoher Wahrscheinlichkeit das Auftreten dieser Erkrankung in Deutschland mit zwei Serotypen – BTV-4 und BTV-8 –  vorhergesagt. Die Blauzungenerkrankung ruft im Allgemeinen bei Schafen und Ziegen ein stärkeres Krankheitsbild hervor als bei Rindern. Die Erfahrungen der letzten Blauzungenepidemie (2006-2009 in Deutschland) haben gezeigt, dass eine ca. 80-prozentige Impfabdeckung der Hauswiederkäuerpopulation ausreicht, um das Virus auszurotten. Derzeit wird die freiwillige Impfung in den Risikogebieten angeboten.

  5. Das Schmallenberg-Virus

    Gnitzen übertragen auch das Schmallenberg-Virus auf Rinder, Schafe und Ziegen. Dieses Virus trat zum ersten Mal 2011 in Deutschland auf. Es zeigt einen hohen Verwandtschaftsgrad zu einer Virusfamilie, die in Afrika, Asien und Australien vorkommt. Wie das Virus nach Europa gelangte, ist unklar. Die Erkrankung verläuft in der Regel mild, aber die Folgen sind fatal, wenn die Infektion im Mutterleib erfolgt: Die Föten zeigen oft Missbildungen oder es treten Aborte auf.

Der prophylaktische Einsatz von Insektiziden

InsektizideFür die Behandlung des Tieres gegen die hier aufgeführten Fluginsekten (außer der Dasselfliege – Therapie siehe oben) stehen unterschiedliche Arzneimittel zur Verfügung.
Die Wirkstoffe stammen aus der Gruppe der Pyrethroide, sie haben einen abschreckenden Effekt auf die Insekten (Repellent) und töten die Weideinsekten. Es ist derzeit kein Insektizid auf dem Markt, das eine Zulassung zum Schutz vor Gnitzen hat. Es wird aber angenommen, dass Pyrethroide gegen Gnitzen wirksam sind. Einzelstudien haben dies auch bewiesen.
Für den Landwirt wichtig ist die Applikationsart der Mittel, da sie den Arbeitsablauf während der Weideperiode bestimmt. Zwei Systeme stehen zur Verfügung: Insektizidhaltige Ohrmarken (Ohrclips) und das Aufgussverfahren (Pour-on-Verfahren).

Ohrclips bestehen aus einem weichem Kunststoff, der den Wirkstoff über einen längeren Zeitraum abgibt. Je nach Herstellerangaben beträgt die Wirkzeit gegen die Weidefliegen und Bremsen vier bis fünf Monate. Pro Tier wird jeweils eine Ohrmarke zu Beginn der Weideperiode mittels einer Ohrmarkenzange appliziert. Die Anwendung ist streng auf den Weidezeitraum begrenzt. Die Wartezeit beträgt null Tage. Eine wissenschaftliche Untersuchung mit einem Ohrclip, der den Wirkstoff Cypermethrin enthält, zeigte, dass die abwehrende Wirkung auf die Gnitze, dem Überträger des Blauzungenvirus und des Schmallenbergvirus, zeitlich begrenzt ist. In der Studie konnte nachgewiesen werden, dass bei Anwendung einer Ohrmarke die Wirkung auf die Gnitze nach 14 Tagen nachließ, bei der Anwendung von zwei Ohrmarken (dies entspricht nicht den Herstellerangaben), ließ die Wirkung nach 21 Tagen nach.

Eine andere Möglichkeit ist das Aufgussverfahren. Derzeit sind zwei Formulierungen mit dem Wirkstoff Deltamethrin im Handel. Deltramethrin wehrt die herkömmliche Weidefliegen ab und tötet sie. Die vom Hersteller angegebene Menge des Arzneimittels wird auf die Rückenlinie des Tieres von der Schädelbasis/Schulterblättern bis zum Schwanzansatz aufgebracht. Der Hersteller informiert, dass eine Applikation sechs bis zehn Wochen gegen Weidefliegen wirksam ist. Eine Studie untersuchte die Wirksamkeit eines Applikationsmittels mit dem Wirkstoff Deltamethrin auf die Gnitze. Der abtötende Effekt gegen die Gnitzen konnte für vier Wochen nachgewiesen werden, auch der in der Untersuchung nachgestellte Effekt von Regen wirkte sich nicht nachteilig auf die Wirksamkeit aus. Eine Wartezeit besteht auf essbares Gewebe. Ein weiteres Produkt ist derzeit auf Markt mit dem Wirkstoff Cyfluthrin, auch ein Pyrethroid. Hier gibt der Hersteller ein Wirkeffekt von vier bis sechs Wochen gegen Weidestechfliegen an, die Wirksamkeit gegen Gnitzen kann angenommen werden, da es die gleiche Wirkstoffgruppe ist.

Bei der Verabreichung von Ivermectin-haltigen Boli, die hauptsächlich zur Wurmprophylaxe eingesetzt werden, wird ein zusätzlicher Effekt auf die Weidefliegen erzielt. Der Kot der Rinder, der als Brutstätte für viele Weidefliegen dient, enthält dann eben diesen Wirkstoff und die Entwicklung der Larven ist bis zu vier Monate gehemmt.

Praxistipp

Ein Schutz vor Weideinsekten, gerade auch im Hinblick auf eine drohende neue Blauzungenepidemie, ist nicht einfach und sollte schon aus diesem Grund gut geplant sein. Wichtig ist die frühe Applikation der Insektizide im Frühjahr, da dadurch der Aufbau einer Insektenpopulation gestoppt werden kann.

Besprechen Sie die Auswahl der Arzneimittel und die Festlegung des Applikationszeitpunktes mit Ihrem Hoftierarzt, da Wetterlage, Region und Weideplätze ausschlaggebend sind. Die Insektizide sollten unbedingt verantwortungsvoll eingesetzt werden, da es in einigen Regionen schon resistente Insektenpopulationen gibt.

Wichtig bei der Insektenbekämpfung ist auch das Zusammenspiel weiterer Maßnahmen. Dazu zählt, dass Sie feuchte Stellen auf der Weide trockenlegen, da sie Brutstätten für die Insekten sind. Dies gilt natürlich auch für den Hofplatz, auf dem eine gute Hygiene herrschen sollte. Das Thema dieses Beitrag sind Weidefluginsekten. Da diese aber auch zum Teil Rinderställe als Rückzugsorte wählen, besonders wenn es draußen kälter wird, gilt es auch im Stall ein Bekämpfungskonzept aufzubauen. Dies sollte stallbauliche, hygienische Maßnahmen beinhalten wie auch die biologische Bekämpfung zum Beispiel durch Schlupfwespen oder auch Schwalben sowie chemische Maßnahmen. Früher galt der Rat, dass bei einer hohen Insektenplage im Sommer die Rinder am besten nur nachts weiden zu lassen. Dieser Rat gilt leider nicht mehr, da Gnitzen hauptsächlich dämmerungs- und nachtaktiv sind.


Anschrift der Autorin:

Kristin Resch, Tierärztin
Fachjournalistin für Tiermedizin
resch@medvet-kontor.de
www.medvet-kontor.de