Beitrag Drucken

Erstversorgung von Verletzungen

Verletzungen beim Rind können immer wieder auftreten: im Stall oder auf der Weide, im Gerangel mit einer Herdenkollegin oder durch mangelhafte Stallbauten bzw. Weidezäune. Dieser Beitrag informiert über die wichtigsten Grundlagen bei der Wundversorgung.

Sofortmaßnahmen

Ist ein Tier verwundet, müssen Sie als Tierhalter
– das Tier von der Herde trennen und fixieren. Damit wird die Gefahr reduziert, dass sich das Tier noch mehr verletzt bzw. der Untersucher verletzt wird.
– das Allgemeinbefinden des Tieres einschätzen. Die Situation ist als Notfall einzustufen, wenn das Tier starke Schmerzen hat, sehr deutlich lahmt bzw. nicht mehr laufen kann, das Herz-Kreislaufsystem schwach ist, oder das Rind viel Blut verliert. Rufen Sie in diesem Fall sofort einen Tierarzt.
– den Grad der eigentlichen Verletzung einschätzen, um die richtige Versorgung der Wunde in die Wege zu leiten.
– die Ursache für die Wunde finden, damit Sie diese dann eventuell beheben können.

Kleiner Kratzer oder ernstzunehmende Wunde?

Es gibt mehrere Kriterien, die Sie beachten sollten, um den Grad einer Verletzung zu bestimmen.

1. Die Lokalisation der Verletzung. Es gibt empfindliche und weniger empfindliche Bereiche bei der Kuh. Zu den empfindlichen Stellen gehören der Bauch und das Lungenfeld. Ursache dafür sind die darunter liegenden Gewebe (Bauch- und Brustfell), da eine Entzündung nicht selten tödlich endet oder es zu einer lebenslangen Beeinträchtigung kommt. Ebenso empfindlich sind die Gelenke und das umliegende Gewebe. Sind Wunden an diesen Orten erst einmal infiziert, ist es therapeutisch sehr schwierig, sie zu heilen. Ähnlich gefährdet sind aus diesem Grund auch Sehnen, die Sehnenscheiden und Schleimbeutel. Treten Organe aus großen Wunden aus, müssen Sie selbstverständlich umgehend den Tierarzt hinzuziehen.
2. Die Größe der Verletzung. Große Wunden werden naturgemäß als ernstzunehmender eingestuft als kleinere. Im Großen und Ganzen ist dies auch richtig, nur sollten Sie bei kleineren Wunden untersuchen, ob sie eventuell sehr tief sind oder Aussackungen ins Untergewebe haben, wo sich Wundsekret anstauen kann. Denn das A und O bei einer Verletzung ist, dass die Wunde gut durchgespült ist, um die Verunreinigungen mit Bakterien so gering wie möglich zu halten. Und dies besorgt der Körper normalerweise selber, indem die Wunde blutet. Bei tiefen Wunden oder Wunden mit Aussackungen ist es wichtig, den Tierarzt hinzuziehen, damit die Wunde fachgerecht versorgt wird, um eine Infektion zu vermeiden.
3. Welche Flüssigkeit tritt aus der Wunde aus und wieviel? Aus einer frischen Wunde kann entweder Blut austreten oder Gelenkflüssigkeit. Gelenkflüssigkeit ist eine zähe, bernsteinfarbene Flüssigkeit, die zwischen den Fingern Fäden spinnt. Ist das Gelenk eines Tieres geöffnet, ist unbedingt der Tierarzt hinzuziehen. Eine antibiotische Versorgung des Tieres ist jetzt das Minimum. Tritt aus einer Wunde sehr viel Blut aus, kann man leicht in Panik geraten. Grundsätzlich ist dazu zusagen, dass das Rinderblut eine sehr hohe Gerinnungsfähigkeit hat und eine Blutstillung bei kleineren Wunden häufig von alleine stattfindet. Stark blutende Wunden muss man eventuell abbinden, um die Zeit bis zur Ankunft des Tierarztes zu überbrücken. Hierzu sollten saubere, stabile Stricke vor Ort sein, die mit einem kurzen Stock als Knebel auch durch eine Person stramm gezogen werden können. Alle 20 min müssen Sie eine Blutsperre allerdings lösen, damit das abgebundene Gewebe nicht abstirbt.

Wundversorgung durch den Landwirt

Führt die Betrachtung der Wunde mit den geschilderten Kriterien zu dem Ergebnis, dass Sie als Tierhalter die Wunde selber versorgen können, beachten Sie Folgendes:

Die Reinigung der Wunde und ihrer Umgebung entscheidet über den Heilungserfolg! Bevor Sie sich einer Wunde zuwenden, sollten Sie selbstverständlich immer saubere Einweghandschuhe anziehen. Der erste Schritt ist nun, die Wundumgebung zu säubern. Entfernen Sie dafür die Haare mit der Schermaschine oder einem Einwegrasierers. Hilfreich kann hierfür das Shampoonieren mit Jodseife sein. Die Haare sollten die Wunde nicht noch zusätzlich verunreinigen. Nachdem nun die Wundumgebung gereinigt ist, ist jetzt die eigentliche Wunde an der Reihe. Dabei ist die Spülung mit Wasser aus einem Wasserschlauch mit mittlerem Druck die effizienteste Methode. Erst wenn die Wunde augenscheinlich sauber ist, können sie mit der Desinfektion beginnen. Als Desinfektionsmittel bewährt hat sich Jod. Für das Rind zugelassene Präparate enthalten PVP-Jod, das kaum gewebereizend ist. Mit sauberen Mullkompressen können Sie nun die Wunde reinigen.
Herausfordernd ist nun der weitere Umgang mit der Wunde. Eine Wundabdeckung durch Pflaster oder Verbände hat den Vorteil, dass die Wunde vor erneuter Verunreinigung geschützt wird. Diese Wundabdeckung so anzubringen, dass sie auch im normalen Rinderalltag hält, bedarf allerdings eines hohen Maßes Geschick und Übung. Die Aufstallung solcher Tiere in der Krankenabteilung ist ganz klar von Vorteil.
Ist die Wunde nun erstmal versorgt, müssen Sie sie täglich kontrollieren. Ist die Wunde abgedeckt, müssen Sie jeden zweiten Tag die Wundabdeckung wechseln und jeden Tag das Allgemeinbefinden des Tieres kontrollieren.

Komplikationen

Bei Wunden ist die Entzündung die am meisten gefürchteste Komplikation. Anzeichen dafür ist das Anschwellen der Wunde, Eiterbildung, starke Wärme des Gewebes. Das Allgemeinbefinden des Tieres kann gestört sein. Dies signalisiert uns die Kuh durch vermehrtes Liegen, Fressunlust, erhöhte Körpertemperatur und reduzierte Wiederkautätigkeit. Am gefährlichsten ist die Infektion durch Clostridien, dem Wundbranderreger. Sie erkennen sie durch das typische Knistern des Unterhautgewebes, wenn Sie die Wundumgebung betasten. Jetzt entscheiden Stunden über Leben und Tod der Kuh. Besonders häufig tritt der sogenannte Einschuss, die Phlegmone, beim Rind auf. Dies ist eine eitrige Entzündung des Unterhautgewebes, sichtbar durch eine deutliche Schwellung der Wundumgebung. Da sie, wie alle anderen vorhergenannten Komplikationen auch, sehr schmerzhaft ist, müssen Sie bei diesen Anzeichen sofort den Tierarzt rufen.

Fazit

Eine richtige Einschätzung über den Grad der Verletzung und eine gute Erstversorgung kann viele Komplikationen vermeiden. Es ist auf jeden Fall besser, einmal eine Wunde „zu viel“ zu versorgen als zu wenig. Dies kann man auch als Übung für den Ernstfall sehen. Achten Sie immer darauf, dass ihr Erste-Hilfe-Kasten im Stall gut bestückt ist und alle Mitarbeiter über den Ablauf der Wundeinschätzung und -versorgung informiert sind.