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Kälberfütterung Teil II: Von der Tränke bis zum Absetzen

Wie richtig tränken

Nach dem Umstallen in eine gereinigte, desinfizierte und gut eingestreute Einzelbucht erfolgt bereits ab der zweiten Mahlzeit eine erhöhte Tränkegabe (z. B. ad libitum oder 10 Liter je Tag Transitmilch der Mutter). Durch das Vertränken der mütterlichen Transitmilch können die positiven Effekte der so genannten bioaktiven Stoffe sowie der maternalen Immunzellen (fördern u. a. die Entwicklung und Reifung des Darms und des Immunsystems) im Kolostrum optimal genutzt werden. 

In der auf dem Hofgut Neumühle durchgeführten Studie nahmen die Holstein-Kälber in der ersten Lebenswoche (LW) bereits 9,2 l Tränke pro Tag auf. Diese Menge kann schon gut verstoffwechselt werden und liefert die notwendige Energie und Nährstoffe für Wachstum, Thermoregulation und Aufbau des Immunsystems. Da die Milch in den ersten fünf Tagen nach der Geburt nicht abgegeben werden darf, liefert das den einfachen Einstieg in die intensive Fütterung. Die Transitmilch sollte über die ersten fünf Lebenstage mit einem Säure-Mix nach Herstellerangaben (2 ml/l) angesäuert werden, um einen pH-Wert von ca. 5,5 zu erhalten. Durch die „milde“ Ansäuerung wird das Bakterienwachstum, jedoch nicht die Tränkeaufnahme der Kälber, gehemmt.

Wenn Kälbern Tränke ad libitum angeboten wird, nehmen sie pro Tag durchschnittlich 10 Liter Milch (Jasper and Weary, 2002; Maccari et al., 2015) oder ca. 13 Liter MAT (~ 13 % TM, Frieten et al., 2017) in der eigenen Studie auf. Bei restriktiver Fütterung erhalten die Kälber oftmals nur die Hälfte. Die Jungtiere hungern während dieser Aufzuchtphase. Am Tränkeautomaten rufen ad libitum getränkte Tiere ca. sechsmal pro Tag Tränke ab und können bei jedem Besuch Tränke aufnehmen. Bei restriktiv gefütterten Kälber kann man beobachten, dass sie sehr häufig in die Tränkestation laufen, jedoch ohne Milch zu erhalten, weil sie kein Anrecht auf weitere Milchportionen haben.

Restriktive Fütterung erzeugt Stress

Durch den Hunger bei der restriktiven Milchfütterung wird dieses unnatürliche Tränkeverhalten erzeugt. Das führt neben einer mangelhaften Nährstoff- und Energieaufnahme zu Stress bei den Tieren und es kommt zu Verhaltensanomalien, wie Leersaugen oder übermäßigem gegenseitigen Besaugen (Mahmoud et al., 2016). Zusätzlich wird die Tränkestation häufiger und länger von den restriktiven Kälbern blockiert, was zu weiterem Stress bei allen Tieren mit Anrecht führt. Stress kann das Immunsystem und die Entwicklung der Tiere negativ beeinflussen und erhöht darüber hinaus die Krankheitsanfälligkeit u. a. für Durchfall- und Atemwegserkrankungen.

Im Gegensatz zur Milch kann Festfutter wie z. B. Kraftfutter, unabhängig von der angebotenen Menge, in den ersten Lebenswochen nur unzureichend verdaut und für Wachstum genutzt werden (Khan et al., 2016). Das Vormagensystem muss sich in den ersten Wochen bis Monaten entwickeln und hierfür ist neben dem Angebot von Festfutter die Zeit der wichtigste Managementfaktor. Kraft- und Raufutter können demnach ab der ersten Lebenswoche als erstes Festfutter zur Förderung der Pansenentwicklung angeboten, zunächst aber nicht zur Deckung der Energie- und Nährstoffzufuhr, genutzt werden. Dies erfolgt in den ersten Lebenswochen fast ausschließlich über die Milch- oder MAT-Aufnahme. Selbst bei restriktiver Fütterung (6 l MAT/Tag) nahmen die Kälber aus dem Versuch von Frieten et al. (2017) erstmalig in der neunten LW mehr Energie aus dem Kraftfutter als über die Tränke auf.

Die intensive Fütterung resultiert in hohen Tageszunahmen und einem verbesserten Körperwachstum. In der Aufzucht möchte man ein kontinuierliches Wachstum ohne Wachstumseinbrüche erreichen. Die täglichen Zunahmen wurden in einigen Übersichtsarbeiten (Bach, 2012; Soberon and Van Amburgh, 2013) in Zusammenhang mit der späteren Milchleistung gebracht. Soberon und Van Amburgh berechneten eine erhöhte Milchproduktion von 1.550 kg in der ersten Laktation, wenn eine durchschnittliche Tageszunahme von 1.000 g über die Tränkeperiode erreicht wird. Im hier vorgestellten Versuch nahmen die ad libitum gefütterten Kälber über die Tränkeperiode (1.-11. LW) durchschnittlich 1.000 g pro Tag zu, was sich positiv auf das spätere Milchleistungspotenzial auswirken kann. Die Differenz zu den restriktiv gefütterten Kälbern lag bei ca. 200 g/Tag (Abb. 2).

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Abb. 2: Durchschnittliche Tageszunahmen von der ersten bis zur 11. Lebenswoche (Frieten et al., 2017)

Das Abtränken, also die Umstellung von Flüssig- auf Festfutter als Hauptnahrungsquelle muss vor allem bei intensiver Milchfütterung gut gemanagt werden. Bei frühzeitigem Angebot nehmen auch intensiv getränkte Kälber das Festfutter auf, allerdings ist auch hier die Zeit ein entscheidender Managementfaktor. Da sich das gesamte Vormagensystem auf die neue Fütterung einstellen muss, sollte das Abtränken langsam über mehrere Wochen erfolgen. Hierbei handelt es sich noch immer um ein Fütterungssystem, welches wirtschaftliche Hintergründe berücksichtigt, da Mutterkuhkälber vergleichsweise erst nach ca. acht bis zehn Monaten vollständig abgetränkt werden. Die Kälber nehmen während des langsamen Abtränkens täglich mehr Festfutter auf und sollten erst bei einer Kraftfutteraufnahme von > 2 kg pro Tag vollständig abgetränkt werden. Die bis dato sehr gut entwickelten Tiere können mit einem langsamen Abtränkeregime weiterhin hohe Tageszunahmen erzielen und ungewünschte Wachstumseinbrüche vermieden werden. 

Hygiene ist das Maß aller Dinge

Um die Jungtiere generell vor Leistungseinbußen und vor Kälberkrankheiten zu bewahren, ist eine einwandfreie Hygiene erforderlich. Während der Tränkeperiode muss speziell auf die Sauberkeit rund um die Fütterung geachtet werden. Tränkeeimer können für die intensive Fütterung genutzt werden, wenn die Hygiene stimmt. Werden die Kälber anschließend von einem anderen Tränkesystem, z.B. Tränkeautomat, versorgt, ist hier die Hygiene ebenso wichtig. Die milchleitenden Wege (vom Mixer bis zum Nuckel) sollten in regelmäßigen Abständen und zusätzlich zu den automatischen Reinigungsprogrammen gereinigt, sowie Verschleißmaterialien ausgetauscht werden. Tränkeautomaten haben den Vorteil, dass die Kälber selbstbestimmt über den Tag verteilt frische Tränke in kleinen Portionen abrufen und somit ein relativ natürliches Trinkverhalten ausüben können. Im durchgeführten Kälberversuch wurden die Kälber ab der zweiten LW in der Gruppe gehalten und von einem Tränkeautomaten versorgt. Hierbei erwies es sich als eine gute Praxis, dass die Kälber nach der Umstallung zuerst in eine „Babygruppe“ kamen. In dieser befanden sich nur junge Kälber, die über ca. ein bis zwei Wochen möglichst stressfrei an einer eigenen Tränkestation an den Tränkeautomaten angelernt wurden, bevor sie in die größere Gruppe kamen. Je nach Betriebsgröße kann auch ein „Rein-Raus-Verfahren“ mit gleichalten Kälbern pro Gruppe durchgeführt werden. Ansonsten stellt die „Babygruppe“ eine gute Alternative dar. Wie in der Einzelhaltung muss in der Gruppenhaltung ein hohes Maß an Hygiene (regelmäßiges Ausmisten, saubere und trockene Einstreu, Reinigung und Desinfektion zwischen den Gruppen) standardmäßig durchgeführt werden.

Der Mythos, dass Kälber bedingt durch erhöhte Tränkemengen Durchfall bekommen, kann weder in der aktuellen Forschung noch in der Praxis bestätigt werden. Durch die erhöhte Flüssigkeitszufuhr kann der Kot u. U. etwas weicher sein, aber die Kälber sind fit und vital und zeigen keine Symptome eines krankheitsbedingten Durchfalls. Auch die Sorge vor dem „Überlaufen des Labmagens“ und nachfolgenden Krankheitsanzeichen (z.B. schlechtes Allgemeinbefinden, Appetitlosigkeit, Bauchschmerzen, etc.) ist unbegründet. 2016 konnte eine norwegische Forschergruppe (Ellingsen et al., 2016) mittels Röntgenaufnahmen zeigen, dass freiwillige Milchaufnahmen von 3,5 – 6,8 Litern pro Mahlzeit sich ausschließlich im Labmagen befanden und keine Milch in den Pansen zurückgeflossen ist. Gründe hierfür sind zum einen die starke Dehnung des Labmagens bei Aufnahme von hohen Milchmengen je Mahlzeit, was in Folge auch zu einer verlangsamten Entleerung des Labmageninhalts in den Dünndarm führt. 

Zu hohe Kraftfutteraufnahme bei restriktiver Fütterung

Durch ein geringes Milch- oder MAT-Angebot werden die Kälber aufgrund von Hunger zur frühen Kraftfutteraufnahme gezwungen, was die Menge an kurzkettigen Fettsäuren im Pansen erhöht und als Folge den pH-Wert erniedrigt. Das unreife Vormagensystem wird azidotisch und kann die Pansenwand schädigen. Darüber hinaus wird die im Kraftfutter enthaltene und im Pansen unabgebaute Stärke weiter durch den Dünndarm in den Dickdarm transportiert, was auch zu Dickdarmazidosen führen kann. Durch diese genannten azidotischen Verhältnisse können krankmachende Erreger leichter in den Organismus eindringen und somit Erkrankungen, wie z. B. Durchfall verursachen.

Reifung und Wachstum des Vormagensystems wird, wie vorher beschrieben, durch frühzeitiges aber nicht forciertes Angebot von Kraft- und Raufutter gefördert. Die meist frühere und freiwillige Aufnahme von Heu steigert das Volumen und Muskelwachstum des Pansens bei gleichzeitiger Abpufferung der Pansensäuren. Insgesamt stellt eine intensive Milchfütterung mehr Energie und Nährstoffe für die Entwicklung aller Organe, inkl. des Magen-Darm-Traktes und der Leber als wichtigstes Stoffwechselorgan, bereit.

Empfehlungen

  • Über 3 Liter Kolostrum, sehr guter Qualität, so schnell wie möglich nach der Geburt vertränken (innerhalb der ersten Lebensstunde).
  • In den ersten Lebenstagen bzw. so lange wie möglich Transitmilch der Mutter anbieten (Ansäuerung mit Ziel-pH von 5,5).
  • Ab der ersten Lebenswoche mind. 10 – 12 Liter Milch oder qualitativ hochwertiger Milchaustauscher (> 45 % Magermilchpulver; mind. 12,5 % TM).
  • Ab der ersten Lebenswoche Festfutter (Rau- und Kraftfutter) und Wasser zur freien Aufnahme anbieten.
  • Kälber in den ersten acht Lebenswochen intensiv tränken.
  • Langsames Abtränken über sechs bis acht Wochen, vollständiges Abtränken abhängig von der Rau- und Kraftfutteraufnahme (> 2 kg/Tag).
  • Erfolge durch die Fütterung sind nur dann möglich und nachhaltig, wenn die Kälber unter ausgezeichneter Betreuung, Hygiene- und Haltungsbedingungen aufgezogen werden.

Empfohlener Tränkeplan des Hofgutes Neumühle

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  • Die ersten 5 Lebenstage erhalten die Kälber Kolostrum
  • 1,4 kg MAT/Tag – 140 g MAT/l.

Autor: Dr. Christian Koch, Hofgut Neumühle