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Jungrinder bedarfsgerecht füttern

Datenermittlung in Praxisbetrieben offenbart enormes Potential

von Prof. Dr. Katrin Mahlkow-Nerge und Tina Jensen, Fachhochschule Kiel, Osterrönfeld

Mit der Kälber- und Jungrinderaufzucht wird ein wesentlicher Grundstein für die Gesundheit, Leistungsfähigkeit und Langlebigkeit der späteren Milchkühe gelegt. Die Aufzucht der Jungrinder verursacht hohe Kosten. Oftmals werden diese aber in den Betrieben erheblich unterschätzt. Durchschnittlich sind hierfür entsprechend der Angaben im Tierreport Schleswig-Holstein (2018) 2.034 € je Färse zu veranschlagen, mit einer Spanne von 1.633 € bei den 25 % betriebswirtschaftlich erfolgreicheren Betrieben bis 2.477 € bei den 25 % weniger erfolgreichen Betrieben. 

Zwar beginnt der Geldrückfluss bereits mit dem ersten Tag der Milchproduktion, i. d. R. aber erst am Ende der dritten Laktation kehrt sich die negative Kapitalbilanz in eine positive um. Daher ist, auch aus Sicht einer wirtschaftlichen Färsenaufzucht, das erstrebenswerte Ziel, die Tiere möglichst lange (4 bis 6 Laktationen) im Bestand zu halten und unnötige Färsenaufzuchtkosten zu reduzieren, indem z. B. die Tiere möglichst früh das erste Mal abkalben. Dieses „früh“ bedeutet und letztlich ist genau das entscheidend: ihrem tatsächlichen Wachstumspotential angemessen. 

Grundvoraussetzungen dafür sind, dass die Jungrinder stets bedarfsgerecht versorgt werden und die entsprechende körperliche Entwicklung mitbringen, also ein Lebendgewicht von ca. 630 kg unmittelbar vor der Abkalbung und von mehr als 550 kg nach der ersten Kalbung aufweisen.

Für schwarzbunte Färsen darf und sollte allgemein ein Erstkalbealter (EKA) von 24 bis 26 Monaten angestrebt werden. Es zeigt sich, dass ein älteres EKA weitaus häufiger mit einer Überkonditionierung der Färsen einhergeht, woraus eine größere Gefahr für Schwer- und Totgeburten resultiert. Letztlich zeigen diverse nationale und internationale Auswertungen, dass das EKA einen bedeutsamen Einfluss auf die Lebenseffektivität der Kuh hat.

Jungtiere mit dem Maßband messen
Bildquelle: Mahlkow-Nerge

Entwicklung der Jungtiere

Im ersten Lebensjahr wird der Rahmen der Tiere festgelegt. Lebens- und leistungsfähige Organe werden in dieser Zeit ausgebildet, erste Eierstockfunktionen setzen ein und die Euteranlage wird entwickelt. Aus diesen Gründen sind hohe Lebendmassezunahmen zwingend erforderlich. Die allgemeine Beratungsempfehlung hierfür lautet: in den ersten 12 Monaten Tageszunahmen von 850 g und anschließend 700 bis 750 g. Mindestens genauso bedeutsam wie das Erzielen eines intensiven Wachstums der Kälber und Jungrinder in den ersten (ca. 8 – 10) Lebensmonaten ist es, die Fütterungsintensität in der darauffolgenden Zeit deutlich abzusenken, um ein Verfetten der Tiere (mitunter bereits vor der ersten Besamung) möglichst zu verhindern. Unmittelbar vor der Kalbung sollten die Färsen dann ein Gewicht von ca. 630 kg aufweisen, woraus sich eine Lebendmasse von mehr als 550 kg nach der ersten Kalbung ergibt.

Ohne Daten bleibt vieles nur ein Gefühl

Wer aber kennt die genauen Gewichte seiner Tiere wirklich? Wer verfügt über exakte Daten aus der Jungrinderaufzucht und weiß damit genau, ob die Fütterungsintensität richtig ist und ob die Jungrinder zu einem Zeitpunkt besamt werden, der tatsächlich zur Entwicklung passt? 

Eine genaue Überprüfung der Rationsgestaltung und damit der Aufzuchtintensität ist im Betrieb nur dann wirklich möglich, wenn das Wachstum der Kälber und Jungrinder regelmäßig kontrolliert wird. 

Dazu können sogenannte Maßbänder (Jungrinder-Wiegeband) dienen, mit denen der Brunstumfang der Tiere gemessen und zeitgleich das damit entsprechend korrelierte Gewicht abgelesen wird. Wichtig ist hierbei, dass die Tiere ebenerdig und entspannt stehen.

Alternativ kann auch ein Hipometer zum Einsatz kommen. Dieses wird an die Knochenvorsprünge des Oberschenkelknochens angelegt und dann das Gewicht auf der Skala abgelesen. Der Vorteil hierbei ist, dass der notwendige Tierkontakt weniger nah ist als bei der Brustumfangsbestimmung mit dem Maßband. Nachteilig ist aber, dass sich oftmals die Jungrinder anspannen, sobald sie die Gewichtszange am Oberschenkelknochenvorsprung spüren. Dadurch drücken die Tiere ihren Rücken oftmals hoch, was zum Verfälschen des abzulesenden Gewichtes führen kann. Darüber hinaus sind die Sprünge an der Gewichtsskala des Hipometers zum Teil sehr groß, v. a. bei den Gewichten ab ca. 400 kg. Diese Gewichtssprünge werden mit steigendem Gewicht größer. 

Erhebung in der Praxis

Es gibt zahlreiche Untersuchungen in Versuchseinrichtungen zur Haltung und Fütterung, zum Futteraufnahmeverhalten und zur Gewichtsentwicklung von Kälbern, insbesondere während der Tränkephase. Auch in Praxisbetrieben sind bereits Erhebungen zu ähnlichen Versuchsfragen mit Kälbern durchgeführt worden. Hingegen existieren deutlich weniger Ergebnisse aus speziell angelegten Versuchen und kaum welche aus Erprobungen zur Futteraufnahme und zur Gewichtsentwicklung von Jungrindern in Praxisbetrieben. 

Daher wurde von der Fachhochschule Kiel im letzten Jahr im Rahmen einer Masterthesis die Jungrinderaufzucht in zehn Betrieben Schleswig-Holsteins näher unter die Lupe genommen. Der Schwerpunkt lag bei den 6 bis 15 Monate alten Jungrindern, da in dieser Zeit der Wechsel von der intensiveren Fütterung auf eine deutlich nährstoff- und energieärmere Ration erfolgen muss. Diese Betriebe hatten eine mittlere Herdenmilchleistung von 10.036 kg. Wie zu erwarten war, bestand zwischen der Herdendurchschnittsleistung in den jeweiligen Betrieben und der Milchleistung ihrer Jungkühe eine sehr enge Beziehung.

Haltung und Fütterung der Jungrinder

Die Haltungs- und Fütterungsbedingungen wurden anhand einer Checkliste näher beurteilt und in Form einer Schulnote zusammengefasst. Dabei zeigte sich mit einer durchschnittlichen Note von 2,9 zum einen, dass die Haltungsbedingungen oftmals noch verbesserungswürdig sind. Zum anderen herrschte eine große Variabilität zwischen den einzelnen Betrieben. Beurteilt wurden die Kriterien Liegeboxen, Spaltenboden, Licht, Luft, Verhältnis Tier – Anzahl Fressplätze, Tränke und Bürste.

Die Haltung der Jungrinder erfolgte meistens in umgebauten alten Kuh- oder Bullenställen oder im Kuhstall selbst. In manchen Betrieben wurden die Jungrinder, zumindest phasenweise, noch auf Vollspalten gehalten. Andererseits waren häufig die Liegeboxen nicht mehr der Größe der Jungrinder angemessen, so dass die Tiere vereinzelt auch auf dem Spaltenboden lagen. In fünf der zehn Betriebe wurde das Futter bei den Jungrindern täglich, ansonsten nur an jedem zweiten Tag frisch vorgelegt.

Insgesamt waren in denjenigen Betrieben mit einem kürzeren EKA die Haltungs- und Fütterungsbedingungen besser.

Gewichtsentwicklung

In jedem Betrieb wurden fünf Gewichtsbestimmungen, möglichst im zweiwöchigen Abstand, mit dem Maßband der „RSH“ durchgeführt. Insgesamt konnten 252 Jungrinder mit 1.156 Gewichtsdaten ausgewertet werden. 

Im Durchschnitt der zehn Betriebe ergab sich bei den Jungrindern im Altersabschnitt von 6 bis 9 Monaten (durchschnittlich 7,9 Monate) ein Gewicht von 309 kg (Tab. 3). Das entsprach einer täglichen Lebendmassezunahme (LMZ) ab der Geburt bis zu diesem Tag von 1.100 g.

Das mittlere Gewicht der Jungrinder im darauffolgenden Altersabschnitt ab dem 9. bis einschließlich dem 15. Lebensmonat (durchschnittlich 11,5 Monate) betrug 403 kg. Damit ergab sich eine tägliche LMZ ab der Geburt bis zu diesem Tag von 1.026 g. Verglichen mit den Zielwerten aus der Literatur (z. B. BauBriefe Landwirtschaft, 52, 2013) für Jungrinder, die mit 24 Monaten abkalben sollen, bewegten sich die Tiere in den Praxisbetrieben stets im oberen Bereich. Im Durchschnitt erreichten die Jungrinder in diesen Betrieben bereits mit 12 Monaten das Gewicht für die erste Besamung. 

Die täglichen Zunahmen innerhalb dieser beobachteten Altersabschnitte lagen bei 882 g im Abschnitt von 6-9 Monaten bzw. bei 831 g im Abschnitt von > 9-15 Monaten. Das entsprach einer täglichen Lebendmassezunahme von der Geburt an von mehr als 1.000 g. Die betrieblichen Unterschiede waren hierbei sehr groß, und es ergab sich eine direkte Beziehung zwischen dem Milchleistungsniveau des Betriebes und der erreichten LMZ der jeweiligen Jungrinder.

Futterrationen und Futteraufnahme

Die täglich vorgelegten Futtermengen wurden in jedem Betrieb gruppenweise dokumentiert und anfallende Futterreste zurückgewogen. Dabei erfolgte eine Unterscheidung zwischen der Fütterung der kleineren Jungrinder mit einem durchschnittlichen Alter von 9,4 Monaten (jüngerer Altersabschnitt: 7 bis 11,8 Monate) und der größeren Jungrinder mit durchschnittlich 11,9 Monaten (älterer Altersabschnitt: 10,2 bis 13,9 Monate).

Die allgemeinen Beratungsempfehlungen geben als Richtwerte für Futterrationen für 350 kg schwere Jungrinder 10,1 MJ ME und 120 g XP/kg TM und für 420 kg schwere Jungrinder ca. 9,8-9,9 MJ ME und ebenfalls 120 g nXP/kg TM an (BauBriefe Landwirtschaft, 52, 2013). 

Die Rationen in den Praxisbetrieben waren demnach energetisch bedarfsüberschreitend und beinhalteten darüber hinaus immer auch eine gewisse Eiweißüberversorgung. Damit würden sich erstens die allgemein sehr guten Gewichte der Tiere erklären lassen und zweitens, dass die Jungrinder im Durchschnitt der Betriebe bereits mit 12 Monaten ein Gewicht von mehr als 400 kg aufwiesen. 

Bei der Mineralstoffversorgung hingegen war nicht in allen Betrieben eine Bedarfsdeckung gegeben, vor allem dann nicht, wenn auf eine gezielte Gabe eines entsprechenden Mineralfutters verzichtet wurde. Dieses betraf die kleineren Jungrinder in drei Betrieben und die etwas größeren Jungrinder in fünf Betrieben. Ohne die gezielte Zugabe eines üblichen Mineralfutters für Rinder kann vor allem eine ausreichende Spurenelement- und Vitaminversorgung nicht gewährleistet werden.

Die Futteraufnahmen der Jungrinder bewegten sich im Durchschnitt der Betriebe in der gleichen Größenordnung wie in der Literatur beschrieben, waren aber zwischen den Betrieben sehr unterschiedlich. 

Fazit

Die von der Fachhochschule Kiel durchgeführte Erhebung in der Praxis zeigte, dass in Betrieben, die ein hohes Leistungsniveau mit ihren Kühen (HF) erreichen, deren Jungrinder im 12. Lebensmonat bereits ein Gewicht von mehr als 400 kg und folglich bis zu diesem Zeitpunkt Lebendmassezunahmen über 1.000 g aufwiesen. Dieses war den Landwirten oftmals nicht bewusst. Auch wenn Jungrinder nicht (unbedingt) mit 12 Monaten besamt werden sollten, zeigt sich damit zum einen das enorme Wachstumspotential der Tiere und zum anderen, dass die Fütterungsintensität bereits vor Ablauf der ersten 12 Lebensmonate deutlich abgesenkt werden kann bzw. sogar muss. Auf jeden Fall ist es wichtig, für diese Entscheidungen die Jungrinder stärker in Augenschein zu nehmen, besonders hinsichtlich ihres Gewichts und der Körperkondition. 

Letztlich gilt es, die Fütterungsintensität dem Futteraufnahme- und Wachstumsvermögen der Tiere anzupassen. Das aber geht nur, wenn wir die Gewichtszunahmen unserer Jungrinder kennen (beobachten! = messen!). Nur so wird ein „punktgenaues“ Wachstum, eine allzeit bedarfsgerechtere Versorgung, in vielen Betrieben auch eine Senkung des EKA, eine bessere Futtereffizienz und Kosteneinsparung ermöglicht – und alles bei gut entwickelten Färsen, die das Leistungspotential der Milchkuhherde von morgen darstellen.