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Nachtschattengewächse: Vergiftungen bei Wiederkäuern

Dr. med. vet. Katharina Traulsen, Plön

Tropanalkaloide sind natürliche, sekundäre Pflanzeninhaltsstoffe, die bei vielen Pflanzenarten vorkommen, in Mitteleuropa sind vor allem Nachtschattengewächse wie beispielsweise Stechapfel (Datura stramonium), Tollkirsche (Atropa belladonna) oder das Schwarze Bilsenkraut (Hy­oscyamus niger) für Vergiftungen verantwortlich. Tropanalkaloide sind in allen Pflanzenteilen enthalten. Die Giftigkeit bleibt auch nach der Trocknung zu Heu oder nach dem Silierprozess erhalten. Bei der Fütterung von Rindern können die Alkaloide zum einen über den hier angebauten Mais zu Vergiftungen führen. Weiterhin wurden in den letzten Jahren vor allem in Druschfrüchten aus Südosteuropa zunehmend Samen und andere Bestandteile tropanalkaloidhaltiger Pflanzen festgestellt. 

Fall aus der Praxis

In Niedersachsen kam es 2017 auf einem Bullenmastbetrieb zur einer Bestandsproblematik durch Stechapfel. Innerhalb eines Tages verringerten die Tiere plötzlich die Futteraufnahme. Der Tierarzt wurde hinzugezogen, da einige Tiere eine behandlungswürdige Pansenaufblähung aufwiesen. Die gefütterte Maissilage war seit dem Tag der verringerten Futteraufnahme aus einem anderen Silobereich entnommen worden, weshalb diese Silage schnell als mögliche Ursache in Verdacht kam. Am Siloanschnitt wurden farblich auffällige Veränderungen bemerkt, Proben von dieser Partie wurden an das Institut für Tierernährung der Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover zur Analyse geschickt. Nachdem die bedenkliche Silage vom Futtertisch entfernt wurde, stieg die Futteraufnahme wieder an und die Tiere erholten sich innerhalb von sechs Tagen. Der  für die Problematik verantwortliche Anteil der Maissilage kam von einem gewässernahen Teilbereich einer Ackerfläche, bei dem übliche Pflanzenschutzmaßnahmen nicht durchgeführt worden waren. Nur in diesem Bereich wuchs Gewöhnlicher Stechapfel, Anteile dieser Pflanze wurde durch die botanische Untersuchung im Institut für Tierernährung in der Silage nachgewiesen. Dieser Praxisfall wird als ein eher selten auftretendes Phänomen eingestuft, denn die Verbreitung des Stechapfels ist in Niedersachsen (noch) nicht sehr ausgeprägt. Außerdem enthält die Pflanze weitere Stoffe (Kalziumoxalat), die zusammen mit den Tropanalkaloiden durch ihren unangenehmen Geschmack die Futteraufnahme reduzieren. Die Tiere konnten in diesem Fall selbst die Verunreinigung  der Silage erkennen und durch das Einstellen der Futteraufnahme die weitere Giftaufnahme verhindern. Durch das zeitige Ersetzen der betroffenen Futtermittel konnten weitere Schäden vermieden werden. (Futterverweigerung bei Mastbullen durch eine Kontamination der Maissilage mit Gewöhnlichem Stechapfel (Datura stramonium), von H. Rieger et al., Tierärztliche Praxis Ausgabe G: Großtiere / Nutztiere 2019; 47(02): 125-130) 

Symptome bei einer Vergiftung mit Tropanalkaloiden

Nachtschattengewächse enthalten unter anderem ein Gemisch aus den Tropanalkaloiden Atropin und Scopolamin, die jeweilige Symptomatik richtet sich nach der vorherrschenden Giftkomponente. Bei Vergiftungen mit der Tollkirsche zeigt sich überwiegend die zentral erregende Wirkung von Atropin (Übererregbarkeit, Krämpfe), bei den weiteren Nachtschattengewächsen überwiegt Scopolamin, das sich eher zentral dämpfend auswirkt. Die  Auswirkungen auf das unwillkürliche Nervensystem äußern sich in einem beschleunigten Herzschlag, erweiterten Pupillen (Sehstörungen), ausgetrockneten Schleimhäuten, Aufblähen des Pansens sowie Harn- und Kotverhaltung. In ausgeprägten, fortgeschrittenen Fällen kann es zu Schluckbeschwerden, Krämpfen und Aussetzen der Atmung kommen, ein Atemstillstand kann zum Tod des Tieres führen. Bei einer Vergiftung treten die ersten Symptome Minuten bis Stunden nach der Futteraufnahme auf. 

Die hemmenden Eigenschaften von Scopolamin auf die Darmmotorik werden therapeutisch zur Lösung von Darmkrämpfen eingesetzt. Wird dieser Stoff allerdings unkontrolliert über kontaminierte Futtermittel aufgenommen, so kann es zu einzelnen Vergiftungen als auch zu einem Bestandsproblem kommen. Die Verminderung der Magen-Darm-Motorik ganzer Tiergruppen kann sich in einer reduzierten Futteraufnahme und dem vermehrten Auftreten von Pansen- und Darmaufblähungen, Labmagenverlagerungen und Koliken äußern. 

Therapie

In Deutschland gibt derzeit keine Tierarzneimittel, welche das Gegenmittel (Antidot) enthalten. Bei einem Verdacht auf eine Vergiftung sollten die betreffenden Futtermittel aus der Reichweite der Tiere entfernt und vernichtet werden. Je nach Art und Ausprägung der Symptome müssen diese tierärztlich behandelt werden.

Das Vermeiden von Vergiftungen

Da schon relativ geringe Mengen von Tropanalkaloiden zu Vergiftungssymptomen führen können und eine spezifische Therapie nicht möglich ist, sollte das Hauptaugenmerk auf der Vermeidung liegen. Dazu gehört vornehmlich das Wissen über die verschiedenen Giftpflanzen sowie deren Erkennen im Feld. Eine Verunreinigung des Ernteguts kann nur bedingt behoben werden, dabei werden nicht nur die Samen der Nachtschattengewächse zum Problem, sondern auch die grünen Pflanzenteile. Werden sie bei der Ernte mit erfasst, kann der austretende Pflanzensaft das Erntegut mit hohen Tropanalkaloidkonzentrationen kontaminieren. Beispielsweise ist eine Kontrolle und Entfernung von Stechapfel vor der Ernte von Mais so wichtig, da Stechapfel aufgrund seiner späten Keimung und Entwicklung zu diesem Zeitpunkt noch voll im Wachstum und stark saftführend ist. Nachtschattengewächse können aber grundsätzlich in jeder Kultur auftreten, so zum Beispiel auch in Wintergetreide nach Auswinterungsschäden oder bei Fraßschäden. In den Bestandslücken und bei spät keimenden Kulturen können sich die ebenfalls spät auflaufenden Unkräuter so nach dem Abschluss der Unkrautregulierung relativ ungehemmt entwickeln. Eine umfangreiche Anleitung zur Vermeidung von Kontaminationen mit Giften von Nachtschattengewächsen findet man im Merkblatt „Tropanalkaloide Verunreinigungen in Biokulturen verhindern“ (ISBN PDF: 978­3­03736­318­8).

Fazit

Da Nachtschattengewächse einen unangenehmen Geschmack aufweisen, werden sie von Rindern auf der Weide gemieden. Wenn sie allerdings in Heu oder Silage enthalten sind  und es keine andere Futteralternative gibt, so können Fälle von Vergiftungen auftreten. Diese kommen in der Praxis glücklicherweise bisher nicht sehr häufig vor, bei Verdachtsfällen wie dem plötzlichen Einstellen der Futteraufnahme oder auffälligen Verfärbungen in der Silage sollte man allerdings den Tieren schnellstmöglich unbedenkliches Futter anbieten und die betreffenden Futtermittel analysieren lassen.